Von Norbert Heinze

Festtag in den Felsenkirchen von Lalibela: Gedacht wird des heiligen Tekla Haymanot. Sieben Jahre lang stand er auf einem Bein und betete, bis das funktionslos gewordene andere Bein abstarb und Engel ihn vor Gottes Thron trugen. Als Lohn der frommen Tat verlieh Gott ihm drei Flügelpaare, bildeten zahlreiche Kirchenmaler ihn immer wieder ab und feiern Äthiopiens Christen ihn mit liturgischen Gesängen. Weihrauchdunst durchdringt das Morgenlicht, das durch die Höhlenfenster der Marienkirche Beta Maryam einfällt, einer ganz aus rotem Tuffstein herausgearbeiteten Monolithkirche. Wir danken Tekla Haymanot für diesen weltentrückten Morgen im mittelalterlichen Lalibela.

Für Europäer beginnt heute allerdings jede Einreise nach Äthiopien in Addis Abeba. Nur mit dem Flugzeug darf man ankommen und nur in der Hauptstadt, denn der Reiseverkehr in dem jetzt sozialistischen Land ist streng reglementiert, nicht nur um Devisen zu kontrollieren, sondern auch um die Separatisten in den nördlichen Provinzen Eritrea und Tigre zu isolieren. Erst vor knapp hundert Jahren gründete Kaiser Menelik II. seine Residenzstadt Addis Abeba, „Neue Blume“, in 2400 Meter Höhe. Die lange vorchristliche und seit dem 4. Jahrhundert christliche Tradition Äthiopiens verdichtet sich an anderen Orten und nicht in der Hauptstadt. Hier bedrückt der krasse Gegensatz zwischen der Schönheit und den vielen leprösen oder kriegsverstümmelten Bettlern. Vor der Krönungskirche Kaiser Haile Selassis, St. Giorgis, drängt sich das Elend. Eine Frau hat sich betend auf Knie und Stirn geworfen, weint bitterlich, und das Kind auf ihrem Rücken betrachtet verwirrt die unberührt Vorübergehenden. Gegen einige Birr, die Landeswährung, dürfen wir das eher enttäuschende Innere der Kirche betreten, und wir wundern uns nicht so sehr über die grausamen Märtyrerszenen, die wir später immer wieder entdecken, als vielmehr über die vielfältigen Haile-Selassi-Darstellungen. Innerhalb der Kirche ist der geächtete Kaiser also noch nicht vom sonst allgegenwärtigen großen Vorsitzenden Mengistu Haile Mariam oder vom importierten Dreigestirn Marx-Engels-Lenin verdrängt.

Addis Abeba hat den größten Markt Afrikas. Silberne Vortragekreüze, deren Gehalt an Edelmetall höchst zweifelhaft ist, Ohrputzer und Kreuzanhänger sind zuhauf zusammengetragen und werden von christlichen wie jüdischen Händlern angeboten – Juden bilden eine ethnische Minderheit im Vielvölkerstaat. Ikonen, Pergamentbibeln und Kunsthandwerkliches sind gefragt bei den Europäern. Wir geraten in einen Rausch der Begeisterung über die schönen Dinge, über die Artifizienz der Kreuzmotive, über die liturgischen Vortragsbücher, die noch heute auf Pergament geschrieben werden. Handeln ist geboten, Phantasiepreise gehören zum Einstand.

Nach den Hauptstadterfahrungen die Natur: Wir erleben den „Awash National Park“, staunen in der Akaziensavanne über die große Zahl sonst seltener Oryx (sehr große Antilopenart mit eindrucksvollem Gehörn und schwarzer Zeichnung), lachen über Affenherden, wundern uns über Warzenschweine und die gerade noch sichtbaren Augen von Krokodilen und Flußpferden, begrüßen Störche und bestaunen die Vielfalt und Vielfarbigkeit der afrikanischen Pfefferfresser (den Spechten verwandte, große Vögel mit mächtigen, gekrümmten Schnäbeln). Löwen sitzen im Käfig, und in einem Lavabecken, das heiße Quellen und eine üppige Palmenlandschaft hervorgebracht hat, darf man auch schon mal ins glasklare Wasser springen.

Im Norden des Hochlandes ist ein Bad in freien Gewässern nicht eben ratsam: Bilharziose verseucht den Tanasee und seinen Abfluß, den Blauen Nil. Dafür bewundern wir die Kaskaden der Nilfälle bei Bahar Dar und schauen uns die ungewöhnlich hohen Papyrusstauden am Tanasee an, aus denen die federleichten Boote der Anwohner gebaut sind. Der Blick vom Hotel auf den See, eingefaßt von gewaltigen Affenbrotbäumen, die sich ins Wasser neigen, belebt durch die Vielfalt der afrikanischen Wasser- und Landvögel (Reiher, Gänse, Eisvögel, Geier, Pfefferfresser, Prachtstare), ist einmalig.

Von Addis Abeba aus lassen sich über die staatlich kontrollierten Reisebüros Inlandsausflüge buchen, vor allem auf der berühmten „historischen Route“ über Bahar Dar (Nilfälle, Klosterinsel im Tanasee), Gondar (Kaiserstadt mit Schlössern und Kirchen aus dem 17. Jahrhundert) und Lalibela. Aksum, die Residenz der vorchristlichen Könige, ist zur Zeit eine verbotene Stadt. Der Bürgerkrieg reicht bis hierher. Eine Begegnung mit dem Ort der biblischen Königin von Saba ist also ausgeschlossen.