„Jonas“ von Katja Behrens. Von einer dicken, schwerfälligen Frau, die einen unstillbaren Hunger hat, erzählt die eine Geschichte: wie die immer ißt und nie satt wird, wie sie ihren Hunger hinausschreit und mit ihm hadert – so lange bis einer kommt, der sie liebt und warm hält. Da hört die quälende Eßlust auf, und sie wird ruhig. „Wie eingeschlafen ging sie durch den Ort oder schaute stundenlang aus dem Fenster, als horche sie auf etwas, das nur sie und niemand anders hören konnte, und einmal sah man sie im Regen draußen auf ihrer Bank sitzen, sie hatte die Augen geschlossen, und die Tropfen rannen ihr über das Gesicht.“ Aber das Glück dauert nur eine Weile, der Mann liebt sie nicht für immer. Da hört die Frau, die ihr Leben lang viel redete, einfach auf zu sprechen. Es gibt nichts mehr, zu sagen. Mit großer Genauigkeit ist hier eine Außenseiterin beschrieben; eine fette Alte, die richtig Hunger schreit, wenn sie Liebe meint; eine, die an den Dorfrand gehört, da, wo die Trottel belacht werden; eine mit einer großen Sehnsucht, über die es nichts mehr zu sagen gibt, wenn sie einmal gestillt war. Nach der Liebe kommt das Schweigen. In der zweiten Geschichte dieses (mit schönen Zeichnungen versehenen) Bandes geht es dagegen um die Wörter, vor allem um den „Zweifel“, der die „Sehnsucht“ ins Gefängnis bringt. (Mit 5 Offsetlithographien von Hallveig Tettenborn; Pfaffenweiler Presse, 1981; 46 S., 17,80 DM.) Manuela Reichart

„Bemerkungen“ von Emil Chargaff. „Die ganze Welt krankt an der Gesundheit Amerikas.“ – Amerika ist am kategorischen Superlativ zugrunde gegangen.“ – „Der Krieg in Vietnam: Auschwitz auf Ratenzahlung.“ – „Allende fällt, Kupfer steigt.“ – „Antiamerikanismus“ in Amerika! Und der Urheber dieses Skandals: ein hochgeehrter Naturwissenschaftler (1975: die höchste wissenschaftliche Auszeichnung der USA, National Medal of Science“). Professor Dr. Emil Chargaff, österreichisch-jüdischer Herkunft, 1905 in Wien geboren, forscht und lehrt seit 1935 an der Columbia University, N. Y. Wissenschaftliches (Biochemie) publizierte er in Englisch; seine persönlichen „Bemerkungen“ notierte er, ambivalent gebunden, in einem anderen Idiom: „Wann immer die deutsche Sprache ihren schönen Mund für mich auftut, fallen die Goldzähne von Belsen heraus.“ Ein Mann des Friedens und, mit diesen „Bemerkungen“, der „summa aphoristica“ eines tödlich enttäuschten Forscherlebens, auch ein Mann der europäischen Friedensbewegung; „Kein Truman-Denkmal in Hiroshima ‚Si monumentum requiris, circumspice!‘ “ (Klett-Cotta, Stuttgart, 1981; 170 S.,26,– DM.) Hanns-Hermann Kersten