München: „Aspekte der Zeichnung in der DDR

Dresden, das macht diese Ausstellung wieder einmal deutlich, liegt auf dem Kunstglobus weiter entfernt als San Francisco – was dort geschieht, wird hier sofort bekannt, Nachrichten von nebenan sickern nur langsam durch. Schon aus diesem Grund ist der Hinweis auf gegenwärtige Tendenzen der Zeichnung in der DDR hochwillkommen, ein anderer kommt noch hinzu: Man kann eine – solche Ausstellung nur machen in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Kunsthandel der DDR (der auch die keineswegs niedrigen Preise festsetzt), und da ist es nicht uninteressant zu sehen, welche Strömungen die offizielle Kulturpolitik für repräsentativ hält. Eine Auswahl, in der ein an den alten Meistern orientierter Künstler wie Werner Tübke, lange Zeit ein Aushängeschild der DDR-Kunst, bereits leicht antiquiert erscheint, läßt allem Anschein nach eine Lockerung der ideologisch strengen Kunstsitten erkennen. Richtungen, die als formalistisch (und damit als bürgerlich) galten, sind nun erlaubt, vorausgesetzt, deren Entstehung hatte zu tun mit einer oppositionellen Haltung zur bestehenden Gesellschaft. Die Collagen der Dadaisten, die sich politisch links einordneten, die Materialbilder von Antoni Tàpies, der sich gegen Franco engagierte, oder bestimmte kapitalismuskritische Spielarten der Pop Art stehen nicht mehr im Verdacht, ästhetische Konterbande zu transportieren. Damit besitzen die Künstler ein Vokabular, das im Vergleich zum ganz affirmativen sozialistischen Realismus neue Darstellungsmöglichkeiten eröffnet. In einer Situation, in der wir gerade dabei sind, dem Prinzip der Avantgarde abzuschwören, wirkt ein Teil der Kunst in der DDR so erstmals einigermaßen aktuell. (Galerie AIvensjeben bis 7. April) Helmut Schneider

Stuttgart: „Gerhard Rühm

Vom 7. bis zum 12. August 1962 hat er sich die „Österreichische Neue Tageszeitung“ besorgt, die Titelseiten eingefärbt und überall dort, wo das Wort „und“ steht; kleine Fenster gelassen. Auch wenn die Meldungen vom Tage den Nachrichten von gestern noch so ähnlich sehen, das „und“ und die „unds“ nehmen immer wieder andere Plätze ein. Simple Tatsache und optische Überraschung: Die Zeitung, derart abgemagert zum Und-Skelett, wird zum spannenden Seherlebnis. Herausgereizte Aleatorik? Ein Spiel nur? Ein hintergründiges jedenfalls. Gerhard Ruhm, der visuelle Poet, der Satz-Zeichner, Laut-Maler und Schrift-Steller wird in Stuttgart mit einer umfänglichen Werkschau bedacht. In strenger Kapitelgliederung und überaus gut belegt empfiehlt sich eine eigenwillige bildnerische Arbeit, in der experimentelle Lust und neugierige Phantasie wie Zwillinge auftreten und mit wechselnden Subjekten, aber stets identischen Wirkungen den Grat zwischen Kunst und Literatur besetzt halten. Ob Rühm mit dem Bildcharakter von Schrift operiert; ob er Sprachteile auf ihre Bildassoziationen hin untersucht; ob er wie in seinen Photomontagen die vorgegebene Harmonie von Zeichen und Bedeutung auftrennt oder die Bedeutung überhaupt erst anschaulich macht, indem er das Zeichen weiter übersetzt; ob er die Hand zeichnen läßt, die Kontrolle weitgehend zurücknimmt, die wachsende Linie verfolgt und dann schnell doch wieder die Kontrolle zuschaltet – so entstand in den frühen siebziger Jahren mit Meskalin-Hilfe eine Serie „automatische!

Zeichnungen“; ob er in „Hand- und Körperzeichnungen“ reale Körperteile als Schablonen nutzt – all diese Ansätze, Versuche und Werkschritte bleiben bezogen auf die eine, sich über fast drei Jahrzehnte immer umrißgenauer darstellende künstlerische Entscheidung, die Spanne offen zu halten zwischen Schrift und Handschritt, Form und Gestalt, Bild und Ereignis, Finden und Erfinden. (Württembergischer Kunstverein bis 28. März) Hans-Joachim Müller

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Wohnsitz: Nirgendwo“ (Künstlerhaus Bethanien bis 14. 3., Katalog 35 Mark, im Verlag Fröhlich & Kaufmann 45 Mark)