Er ist kein lauer Typ. Er wäscht sich zu kalt und trinkt zu heiß. Er ist nicht bequem. Er schläft immer bei offenem Fenster, obwohl ihm die Kälte klamm und steif in die Glieder fährt. Er wohnt im Keller bei seinem Sohn zwischen Stapeln von alten Zeitungen: mit seinen Erinnerungen begraben. Er stöhnt, wenn er morgens aufstehen soll. Warum soll einer mit 83 überhaupt noch aufstehen?

Aber er tut es doch. Denn „natürlich hatte er einen Grund aufzustehen. Jenny. Sie war sein Grund“.

Jenny ist das dritte von vier Kindern seines Sohnes,ein „Familien-Unfall“, wie man ihr zu verstehen gab. In ihrer Verlorenheit streckte sich ihr die Hand des Großvaters entgegen. Jenny braucht Kraft, um gegen die Familie zu bestehen. Und die gibt ihr der Großvater. Zwei Überflüssige, die sich wechselseitig Mut machen. Davon erzählt

Nora Mazer: „Wenn jemand anruft, sag ihm, ich wär’ tot“; Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt, Salzburg; 160 S., 18,80 DM.

Wie schon in dem hervorragenden Erzählungsband „Lieber Bill, weißt noch?“ gibt die Autorin in diesem Buch ein kritisches Bild des amerikanischen Mittelstands.

Vater hat sich vom Laufburschen zum Stellvertreter des Supermarkt-Direktors hochgedient. Leistung ist seine Lebensmitte – und Ordnung. Auch für die Mutter, die um der Harmonie willen Gefühlsverlogenheiten akzeptiert.

Klar, daß ein eigenwilliger Großvater den Betrieb behindert. Als der älteste Sohn plötzlich mit einer Ehefrau nach Hause kommt, soll Großvater seine Kellerwohnung verlassen und in ein Heim gebracht werden. Nachdem er zuerst mit Krankheit reagiert hat, nimmt er seine letzte Kraft zusammen und flieht auf seine alte, etwas heruntergekommene Farm. Jenny, die ihn heimlich begleitet, merkt sehr bald, daß Großvaters Traum vom Selbstversorgen auf der verlassenen Pennoyer-Farm in der Nähe von New Sayre nicht zu verwirklichen ist. Eines Morgens findet sie den Großvater erfroren unter seinem geliebten Apfelbaum.