Kaum eine andere deutsche Stadt, in der sich Gegensätze bis heute vor allem im kulturellen Leben widerspiegeln: Wuppertal, Schwebebahnstadt im Bergischen Land. Frühkapitalismus und Frühsozialismus (Wuppertal war Hochburg des Lassallschen ADAV), Protestantismus und Gewerbefleiß, Bekennende Kirche und die spektakulären Nazi-Prozesse gegen Gewerkschaftler, pietistische Bilderstürmer-Mentalität und kunstoffener Pioniergeist – wie hat sich diese „Wuppertaler Realität“ auf die Literatur des Tals vom 17. Jahrhundert bis heute ausgewirkt?

Fast zwei Jahre suchte eine Projektgruppe der Gesamthochschule Wuppertal Antwort auf solche Fragen. Das Buch „Literatur im Tal“ (Hans Putty Verlag, Wuppertal, 1981; 28,– DM) liegt jetzt als exemplarisches Forschungsergebnis vor.

Wichtigstes Fazit: Trotz mancher aufklärerischer, radikaler, sozialistischer und proletarischer Zeit übten die Schriftsteller Anpassung an die Herrschenden, ob an Kaiser- oder Nazireich (Rudolf Herzogs „Die Wiskottens“ war ein „Bestseller“ der Kaiserzeit). Kirche und Kapital als Verbündete, Beten und Arbeiten unterdrückten demokratische und künstlerische Utopien.

Das „Muckertal“, wie Friedrich Engels seine Heimatstadt nannte, vertrieb denn auch nicht nur ihn, sondern alle, die über das Tal hinaus einen Namen hatten: Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling, Ferdinand Freiligrath, Armin T. Wegener, Else Lasker-Schüler und ihren Freund Paul Zech. „Ihr habt Eure Dichter und Eure Träume von freieren Horizonten zugrunde gerichtet“, schrieb Zech. Dennoch wurden sie alle und ihr Werk geprägt von ihrer Stadt und deren geistiger Tradition: „Else Lasker-Schüler ist einfach davongelaufen mit der Wupper als Schatten im Rücken“ (Zech).

Auch in den Arbeiten der Nachkriegsschriftsteller wird dieser „Schatten“ der (Wahl-)Heimatstadt spürbar: bei Paul Pörtner, Robert Wolfgang Schnell, Tankred Dorst, Karl Otto Mühl.

Anne Linsel