Das Saarland hätte ihm längst eine Art Ehrensold oder Leibrente gewähren sollen, schließlich gab es in der Geschichte dieses Landes noch keinen ähnlich der Sprache Mächtigen, der diese Macht vorwiegend dazu nutzte, vom Saarland zu schwärmen, einem Land, um das keiner mehr, der Ludwig Hang gelesen hat, einen Bogen wird machen mögen – wie er das vielleicht bisher noch tat. Und so wie man den Bodensee und seine Anwohner besser als mit dem Baedeker mit den Büchern Martin Walsers kennenlernt, kann man auch Saarland und Saarländer erst richtig verstehen, wenn man Ludwig Hang, diesen Virtuosen des Schwärmens, gelesen hat.

„Heimweh – ein Saarländer geht auf Reisen“ ist schon das zweite Buch Harigs, das bereits im Titel das Saarland anvisiert – zuvor erschien „Die saarländische Freude – ein Lesebuch über die gute Art zu leben und zu denken“ (dtv 6322) –, und es ist wie dieses vorausgegangene wieder eines, das sogenannte Gelegenheitsarbeiten (Reiseberichte, Reden, auch einige Lyrikübertragungen) sammelt. Nun trifft es sich freilich bestens, daß für Harig offenbar kaum eine Gelegenheit zu gering ist, sie nicht als gute Gelegenheit für eine Sprachkunst zu verwenden, die bei ihm völlig identisch mit Leverwenden, scheint.

Harig war ja in seinen frühen Anfängen ein Apologet der konkreten Poesie, ein strenger Max-Bense-Adept, der „Texte“ statt Poesie propagierte. Doch sein heiteres Harmoniebedürfnis – eben, wie er versichert, sein saarländisches Erbteil – ließen ihn bald Frontstellungen, wie sie ja der aus der Militärsprache entlehnte Begriff Avantgarde suggeriert, aufkündigen zugunsten einer Befriedung und Poetisierung des Alltäglichen mittels eines ansteckenden Sprachwitzes, wie er seit Jean Paul keinem deutschen Schriftsteller mehr zur Verfügung stand. „Worauf es ankommt, ist die Verknüpfung des Witzes mit der Menschenliebe so hieß es in Harigs schönem Rousseau-Roman, in dem er nicht von ungefähr den Genfer mit dem Bayreuther Menschenfreund spazierengehen ließ. Harig handhabt diese Verknüpfung am herrlichsten, wenn es um jenes Heimweh geht, das den Saarländer anscheinend bereits dann überfällt, wenn er erst einen einzigen Schritt über die Grenzen seiner Heimat getan hat und er sich sagt: „Nix wie hemm!

Man erinnert sich des Nietzsche-Wortes vom „Verhängnis im Schlafrock“, das auf Jean Paul gemünzt war. Ich kann mir denken, daß einige seiner früheren Avantgarde-Freunde Harig heute als Verhängnis in Pantoffeln betrachten (und ganz so, als solle diese Assoziation aufgerufen werden, hat der Verlag dem Umschlag des hier angezeigten Buches ein Paar Pantoffeln verpaßt). In Wahrheit ist Ludwig Harig auch als Heimatdichter ein Artist von hohen Graden, nur daß diese Artistik sich jetzt nicht nur aus Sprach-, sondern auch aus Lebenskunst speist, so wie es ein Satz aus seinem Rousseau-Roman sagt: „Rousseau schaut zurück zur Natur, und Jean Paul schaut voraus auf den Menschen, sie haben die natürlichen, und sie haben die künstlichen Paradiese im Auge, das begrenzte Ertragen und das grenzenlose Verlangen.“ Das Grenzenlose – so lautet Harigs dialektische Botschaft – offenbart sich nur in den begriffenen, den guten Grenzen.

Ludwig Harig: „Heimweh/Ein Saarländer auf Reisen“, mit Zeichnungen von Franz Dahlem; Ullstein Buch Nr. 26061, Ullstein Verlag, Frankfurt/Berlin, 1982; 208 S., 6,80 DM.

Peter Hamm