Wer hat da die Stirn, sich immer noch auf die verantwortungslose Volksweisheit zu berufen, Probieren gehe über Studieren? Und wer bezahlt, wenn es schiefgeht? Kennt er nicht den düsteren Paragraphenwald des Haftungsrechts, der inzwischen so undurchdringlich worden ist, daß niemand mehr wagt, sich durch das von entschädigungsgierigem Wild umlungerte Unterholz zu schlagen?

Doch das poetische Bild sollte nicht vergessen machen, daß es einst Konrad Adenauer war, der die Wahl von 1957 damit gewonnen hatte, daß er "Keine Experimente" versprach. Natürlich hatte er damit nicht gemeint, das Experimentieren überhaupt zu unterlassen; im Chemie-Unterricht oder im Sozialen Wohnungsbau; aber der Imperativ war so leicht übertragbar, daß seitdem sogar das deutsche Wort Versuch dafür Böses anzeigt: Versuchsreaktor – das ist schon als Vorsatz so schlimm wie die Katastrophe, die durch seine Erprobung vermieden werden soll.

Wahrscheinlich hätte sich die Abneigung gegen das Experiment und die moralische Kriminalisierung des Risikos auch ohne den schlauen Bundeskanzler ausgebreitet. So lesen sich heute Sätze wie die folgenden wie eine Huldigung an den Leichtsinn; sie stehen im Januarheft der (übrigens vorzüglichen) Zeitschrift der Neuen Heimat in einem Aufsatz über unsere alten, längst in die Sonderklasse der Nestoren komplimentierten Nachkriegs-Städteplaner: "Faszinierend ..., mit welchem Mut zu Improvisation und Phantasie, mit welchem Risiko kalkulierter Regelverletzung von den Planern anfangs Entscheidungen getroffen werden konnten und mußten, ohne durch die Mühen formal begrenzter Kompetenzen kleingearbeitet zu werden oder im Labyrinth der Dienstwege verlorenzugehen. Der Autor Werner Durth war ganz entzückt von dieser "Lust an der Unmittelbarkeit einer sozialen Praxis und Allzuständigkeit, in der" (Achtung:) "wechselseitiges Vertrauen und persönliche Integrität die Basis solidarischen Handelns bildeten."

Vielleicht funktioniert dergleichen normales Handeln nur in Notzeiten, wenn die Phantasie zu kühnen Kraftakten aufgerufen wird. Heute muß das Experiment, ehe es überhaupt gewagt wird, selber kodifiziert werden: das genehmigte, versicherte Risiko, das auch schon aufgehört hat, eins zu sein. Kühne Geister? I wo: alles geregelt.

Im Wohnungsbau ist überhaupt noch niemals experimentiert worden. Diejenigen, die zu allererst dazu aufgerufen wären und ein Korrelat gegen die "auf Nummer sicher" gehenden Privatunternehmen sein sollten, die Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften, haben sich darin erschöpft, den Privaten zu zeigen-, daß sie genau so erfolgreich, also ebenso phantasielos sein können. Diese Versäumnisse haben uns viel nachhaltiger verletzt als die Raffgier von ein paar Vorständen.

So fühlte sich auch kein ausländischer Architekt je getrieben, in der Bundesrepublik nach dem Allerneuesten Ausschau zu halten; das Neue passierte immer woanders, besonders in Hollana. Dort kennt man nicht weniger als vier nationale Institutionen, private wie staatliche, die ausdrücklich zu experimentellem Wohnungsbau aufrufen und ihn finanziell fördern. Nicht, daß man sich um die Ergebnisse raufen müßte, aber um den Geist, der es provoziert hat. Ob die Stelzenhäuser in Hengelo oder die Baumhäuser in Heimond – könnte man es sich vorstellen, dergleichen in Peine oder Plochingen zu finden? Dumme Frage.

Aber nun will man’s probieren, doch selbstverständlich ordentlich. In Nordrhein-Westfalen brachten die Fraktionen der SPD und der CDU einen Gesetzentwurf zur Änderung der Bauordnung ein. Der Paragraph 87a, der eingefügt werden soll, lautet: "Zur praktischen Erprobung neuer Bau- und Wohnformen im Wohnungsbau können im Einzelfall... Abweichungen von zwingenden Vorschriften dieses Gesetzes oder von auf Grund dieses Gesetzes erlassenen zwingenden Vorschriften zugelassen werden." Die Idee, die zwingenden und, wie man weiß, oft untauglichen, ja schädlichen Vorschriften selber zu eliminieren, ist offenbar ein Experiment, an das nicht einmal jemand zu denken wagt. Nun denn, das Netz ist gespannt. Keiner fällt mehr ins Bodenlose, wenn er etwas wagt. Manfred Sack