Von Berthold Keller

Hohe Arbeitslosigkeit, steigende Inflationsraten und eine Wirtschaft, die in diesem Jahrzehnt einen tiefgreifenden Strukturwandel bewältigen muß – das alles erfordert auch ein Umdenken in der Tarifpolitik. Wie stellen sich die Arbeitnehmerorganisationen auf die veränderten Rahmenbedingungen ein? Die ZEIT hat einige Gewerkschaftsvorsitzende gebeten, ihr tarifpolitisches Konzept für dieses Jahrzehnt zu skizzieren. Nach DAG-Chef Hermann Brandt schreibt diesmal Berthold Keller, Vorsitzender der Gewerkschaft Textil – Bekleidung.

Mit Sicherheit wird das Kapital in den 80er Jahren knapp und teuer bleiben – weltweit ebenso wie in der Bundesrepublik. Allein die existentiell notwendigen Investitionen im Energiebereich werden den Kapitalmarkt stark in Anspruch nehmen. Die Folge: ein höheres Investitionsniveau, das nur durch allgemeine Inflationierung oder durch verstärkte Ersparnis- und Vermögensbildung finanziert werden kann.

Für den einzelwirtschaftlichen Bereich bedeutet dieser Trend verstärkte Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung für Investitionen und Betriebsmittel. Außerdem muß weiterhin mit hohen Zinsbelastungen gerechnet werden, da die Konkurrenz auf den Kapitalmärkten zwischen den öffentlichen Haushalten und der Privatwirtschaft anhalten wird.

Um ständig steigende Inflationsraten zu verhindern, müssen geeignete inflationsneutrale Wege der Unternehmensfinanzierung gefunden werden. Die Gewerkschaft Textil – Bekleidung hält die Aufspaltung der Einkommenserhöhungen in einen konsumtiven und einen investiven Teil für einen gangbaren Weg. Konkret heißt das: Ein Teil der vereinbarten Lohn- und Gehaltserhöhungen wird in bar ausgezahlt, der andere bleibt als Finanzierungsquelle im Unternehmen.

Neben dem günstigen liquiditätspolitischen Effekt könnte sich auch zinspolitisch eine Kostenentlastung für die Unternehmen ergeben, wenn die Verzinsung dieser „Arbeitnehmerdarlehen“ geringer ist als bei normalen Banckrediten. Als angemessene Verzinsung könnte der jeweils geltende Diskontsatz oder der langfristige Zinssatz für Sparanlagen gelten. Für die Arbeitnehmer würde damit gegenüber den üblichen Anlageformen kein Zinsverlust entstehen, und die Unternehmen könnten die Bankenmarge einsparen.

Da es sich bei diesem Modell um eine Form der betrieblichen Vermögensbildung handelt, gilt es zu verhindern, daß der Arbeitnehmer zusätzlich zum Arbeitsplatzrisiko auch noch ein Vermögensrisiko eingeht. Also muß eine ausreichende Absicherung der Arbeitnehmerdarlehen gegenüber den betrieblichen Risiken geschaffen werden.