/ Von Dietmar H. Melzer

Häuptling Pernmí hebt abwehrend beide Hände und schüttelt den Kopf. „Warum nicht?“ fragt der Pater und beobachtet ihn aufmerksam. Der Indianer läßt sich Zeit mit seiner Antwort.

Pernmí ist Guaraní vom Stamm der Mbyá, was auf Deutsch etwa „Leute“ bedeutet. Seine Hütte steht in einer gerodeten Lichtung inmitten undurchdringlicher Urwälder in dem bergigen Streifen Land zwischen dem Uruguay und dem Rio Paraná in Argentinien. In der Sonne trocknet das Fell eines Pumas. Blaue Riesenfalter taumeln über die Lichtung. Orchideen hängen, an den Bäumen.

„Sie erkennen mich nicht als Häuptling an“, sagt Perumí. Pater Josef Marx möchte den Indianern einen Kurs geben, in dem sie etwas über Hygiene, Ernährung und etwas über christliche Religion erfahren sollen. Aber Perumí will nicht kommen, weil verfeindete Guaraní-Familien auch mitmachen werden. Der Pater sieht ein, daß er zwei Kurse in seiner Pfarrei in San Ignacio halten muß.

Seit den Tagen der Jesuiten ist dies der erste Unterricht für Guaranl-Indianer. Damals soll hier am Paraná ein Paradies gewesen sein. Jesuiten hatten sich über die grausame Behandlung der Indianer empört und waren ausgezogen, um sie vor europäischen Sklavenhändlern zu schützen. Die Indianer kamen freiwillig in die „Reduktionen“, die Gemeinden der Jesuiten und unterwarfen sich dem zwar strengen, aber gerechten Regiment der Ordensbrüder.

Die „wilden“ Indianer bauten Harfen, Orgeln und Barock-Kirchen, druckten Bücher und sangen achtstimmige Messen. Disziplinierte Guaraní-Truppen fochten für die spanische Krone und lehrten Sklavenjäger das Fürchten. Jeweils ein Pater führte eine Stadt von etwa 4000 Einwohnern. Geld war nicht in Umlauf. Die Grundnahrungsmittel wurden auf genossenschaftlicher Basis produziert Und verteilt. Daneben bewirtschaftete jede Familie einen Garten, in dem sie Gemüse und Früchte für den Tausch anbaute.

Die Jesuitenzivilisation reichte von La Plata über Bolivien bis an den Amazonas und dauerte von 1606 bis 1767. Ihre wirtschaftliche und militärische Stärke, aber auch Gerüchte um verborgene Schätze machten den politisch kurzsichtigen König Karl III. in Spanien argwöhnisch. Er ließ die Jesuiten vertreiben und setzte königliche Beamte an ihre Stelle. Sklavenjäger und Großgrundbesitzer sorgten dann dafür, daß das Land um den Paraná menschenleer wurde. Der Urwald wuchs über Kirchen und Wohnungen. Nach den angeblichen Schätzen suchen Abenteurer noch heute vergeblich.