Von Helmut Trotnow

Der Wille zum Frieden allein reicht nicht aus, um auch tatsächlich Friede zu stiften. Erst wenn dieser Wille mit politischer Vernunft und politischem Augenmaß gepaart wird, kann dieses Ziel erreicht werden. Als der Parteivorsitzende der SPD, Willy Brandt, angesichts der anwachsenden Friedensbewegung diese Erkenntnis formulierte und mit der Aufforderung an die eigene Partei zum offenen Dialog verband, reagierten die Vertreter eben dieser Bewegung äußerst skeptisch. Sie vermuteten dahinter lediglich die Absicht einer „Umarmungsstrategie“. Der Blick in die Geschichte, ganz besonders in die Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, zeigt jedoch, daß Brandts Aussage sehr wohl bedenkenswert ist – ganz gleich, welche Ziele der SPD-Vorsitzende damit verfolgt haben mag.

Es ist nicht das erste Mal, daß sich Menschen zu Tausenden, ja Hunderttausenden auf die Straße begeben, um ihren Willen zum Frieden zu bekunden. Und es ist auch nicht das erste Mal, daß sich die SPD mit der Frage von „Krieg und Frieden“ intensiv auseinandersetzt. Ganz im Gegenteil: Die deutsche Sozialdemokratie war 1889 führend mit dabei, als sich in Paris die Arbeiterparteien Europas zur Sozialistischen Internationale verbanden, die später unter dem Namen die „Zweite Internationale“ bekannt geworden ist.

Die Erste Internationale war 1864 von Karl Marx und Friedrich Engels in London mitbegründet worden. Vor allem in dem Jahrfünft vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 hat die Zweite Internationale die Arbeitermasse immer wieder zu eindrucksvollen Friedensdemonstrationen aufgerufen, um die kapitalistisch-imperialistischen Regierungen der europäischen Großmächte von kriegerischen Konflikten abzuhalten. Noch am 25. Juli veröffentlichte der Parteivorstand der SPD einen Friedensaufruf, in dem es hieß: „Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf dem Machtkitzel der österreichischen Gewalthaber, dem imperialistischen Profitinteresse geopfert werden.“ Knapp zehn Tage später waren die Friedensdemonstrationen vergessen, Eisenbahnwaggons mit begeisterten Soldatenmassen rollten an die Front. Von Paris, London und Petersburg ebenso wie von Wien oder Berlin.

Wie war das möglich gewesen? Warum war es den Arbeiterführern nicht gelungen, den Friedenswillen der von ihnen repräsentierten Arbeitermassen in tatsächliche Friedenspolitik umzumünzen? Diese und ähnliche Fragen behandelt:

Karl-Heinz Klär: „Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale“; Campus-Verlag, Frankfurt 1981, 368 S., 48,– DM.

Das Buch regt zum Nachdenken an und stellt eine Reihe bisher gängiger Geschichtsbilder in Frage. Es zeigt, daß die These, wonach die Arbeiter von ihren Führern „verraten“ worden seien, ebensowenig ausreicht, um den komplexen Wandlungsprozeß zu erklären wie die Interpretation vom bedingungslosen „Bekenntnis“ der Arbeiterschaft zur eigenen Nation.