Von Helga Fußgänger

Der Ortsteil Bichl in der Gemeinde Prägraten im Virgental in Osttirol sonnt sich auch dann noch wohlig auf seinem Hügel, wenn drunten im Tal schon lang die blauen Schatten liegen. Und noch ein Stückchen höher sitzt das Anwesen des Bauern Gottlieb Berger. Es ist zum größten Teil aus Holz und so alt wie die sanften Madonnen, die gläubige Menschen im Lauf des 13. und 14. Jahrhunderts aus Zirben oder Linden geschnitzt haben.

Wenn Gottlieb Berger hinüberschaut auf die Gipfel der Dreitausender, wo auch der Großvenediger mit dem größten zusammenhängenden Gletschergebiet der Ostalpen liegt, so weiß er nicht, ob er sich an dem schimmernden Anblick freuen soll oder nicht. Denn dort oben sollen nicht nur zahlreiche Bäche für ein geplantes Kraftwerk abgeleitet, sondern Teilgebiete auch noch für Skifahrer erschlossen werden – unabhängig davon, daß derzeit niemand weiß, welche Vor- und Nachteile das der Bevölkerung wirklich bringt. Zwar reden Erschließungswillige statt vom Großvenediger neuerdings dezent nur noch vom „Hohen Zaun“, den trotz seiner 3467 Meter außerhalb Tirols nur Bergsteiger kennen und der daher nicht gar so schützenswert erscheint, doch liegt dieser nur knapp drei Kilometer vom Hauptgipfel entfernt.

„Es sind ja nur noch acht Prozent des Gemeindeterrains, um das es da geht“, argumentieren die Erschließer und übergehen dabei großzügig die Tatsache, daß das Areal gar nicht ihnen, sondern dem österreichischen Alpenverein gehört. Der hat es vor dem Weltkrieg mit barer Münze bezahlt und die Auflage bekommen, daraus einen Naturpark zu machen. Der Alpenverein will von Erschließung nichts hören, nachdem er den Kampf um andere Gletschergebiete in Österreich schon verloren hat. Er will sich aber auch nicht als ewiger Neinsager profilieren. Daher bastelt er schon seit 1980 an einem Pilotprojekt, das er „sanften Tourismus“ nennt.

Worum geht es beim „sanften Tourismus“ im Virgental? „Wir wollen eine Alternative bieten“, meint Peter Hasslacher, Leiter der Abteilung Raumplanung-Naturschutz des österreichischen Alpenvereins, der die Aktion hauptsächlich initiiert hat. „Wir meinen unter sanftem Tourismus den nicht-technisierten Fremdenverkehr. Es geht nicht um die Frage ‚Tourismus – ja oder nein?’, sondern um den viel differenzierteren Fragenkreis .Wieviel Tourismus?‘ und „Welche Art von Tourismus?‘.“

Mit Friedl Kratzer aus Bichl hat der Alpenverein einen Bauern gefunden, der gleich mitmachte. Weil er es satt hatte, jeden Montag um drei Uhr früh nach München zu pendeln und seine Frau und die fünf Kinder nur am Wochenende zu sehen, dachte er einmal gründlich nach, wie dem Abhilfe zu schaffen sei. Und da fielen ihm seine „Bergmähder“ ein. So bezeichnen die Bauern jene Wiesen über der Baumgrenze, die für Kühe und Ochsen zum Weiden zu steil sind. Früher wurden die Wiesen durchweg gemäht, daher der Name. Und im Winter war das gefährliche „Heuziehen“ – das Talabwärtsfahren mit den Fuhren – die Hauptarbeit der Bergbauern.

„Uns hat’s dort oben immer gut gefallen“, meint Kratzer, und so machte er sich, trotz skeptischer Bemerkungen im Ort, gemeinsam mit Bruder, Schwester, Schwager und sonstigen Verwandten daran, ausschließlich aus Naturmaterialien die ungewöhnliche „Sajat“-Hütte zu bauen. Vom Fußboden über den Kamin bis zu den Möbeln machte er mit Verwandtenhilfe alles selbst.