Auf dem Speicher in der Einsiedelei eines leeren Zuckerfasses träumte Clemens von Brentano als Kind vom Ländchen Vadutz. Alle Wundergebirge der Geschichte, Fabel und Märchenwelt lagen für ihn in diesem Ländchen: Himalaja, Meru, Albordi, Kaf, Ida, Olymp und der gläserne Berg. So einen Zauberfleck, ein Paradieschen, träumt sich Mike Wilks’ Bilderbuchknabe im Garten der Großmutter zusammen: Aus ihrem verwilderten Stück Land wird ein Dschungel –

Sarah Harrison (Text) und Mike Wilks (Ill.); „In Großmutters Garten“; Verlag Herder, Freiburg im Breisgau; 32 S., 18,80 DM.

Während die alte Dame Tee schlürft und im Lesebüchlein blättert, verwandelt das Kind die grüne Szenerie in eine Tropenlandschaft. Die Köpfe von Leoparden und Chamäleon, Pavian und Luchs, Gnu, Nashorn, Strauß und Papageienvögeln wagen sich aus Blattverstecken hervor. Und weil der hexerischen Träumerei kein vernünftelnder Erwachsener lästig im Wege steht, holt sich der phantasietolle Knabe einen Apatosaurus in Großmamas Vorgarten: 160 Millionen Jahre alt, 30 Tonnen schwer, 25 Meter lang, ein friedlicher Koloß, Pflanzenfresser mit sanften, riesengroßen Augen. Und nach dem ersten Schrecken läßt das Kerlchen den sanften Saurus grüne Zweige fressen. Ganz berauscht von dem Erfolg befiehlt der Knabe nun Blitz und Vulkan in seine Traumkulisse und holt sich sieben andere Brontosaurier dazu. Zum Schluß tritt dann sogar der Tyrannosaurus auf, in dessen Riesenmaul dolchartig Monsterzähne blitzen. Dieser größte fleischfressende Dinosaurier will mit dem sanften Saurus eine über lerei beginnen, so daß dem Knaben die Regie über seine Mammut-Phantasie entgleitet und er – atemlos und erschrocken mit wehendem rotem Schal – zurück in die spießig-schöne Welt der Großmama flüchtet. Es zeigt sich dann, daß die alte Dame von Kinderseelen offenbar mehr Ahnung hat als mancher Kinderpsychologe.

Wilks’ Bilder projizieren des Knaben Wachtraum sehr genau aufs Papier. Poetische Eindringlichkeit, eine beinahe überscharfe Malweise, Phantastik und Irrealität, banale Dinglichkeit – ganz selbstverständlich verschwistert. Die metallisch hart gemalten Tiere und Pflanzen bewirken eine seltsame Starre und Beharrlichkeit der Bildkomposition. Damit wird das Traumelement fast naiv ins Bild gesetzt. Wilks ist kein „Pompier“. Wie aus einem zoologischen Musterkatalog schauen die Tiere aus dem Blattwerk. Und diese Vegetation, Blättchen wie zu grünen Fächern gespreizt, wird schließlich zu Bärlapp, Farn und Schachtelhalm.

Während die Idee und die Farbtafeln mit ihrer kühlen Schönheit sehr bezaubern, ist der Text des englischen Originals „In Granny’s Garden“ etwas zwanghaft in Reime gebracht. Hätte der Verlag nicht lieber einen stillen Prosatext statt angestrengter Poesie wählen können? Den herrlichen Bildern können die Verse allerdings nichts anhaben, und so bleibt die Tür, die aus Grannys Veranda in den Traumpark des Kindes führt, ein Sesam für Phantasten, die von sanften Riesen, feuerspeienden Vulkanen, vom Apatosaurus und dem Mesozoikum träumen wollen. Ute Blaich