Von Marlies Menge

Unsere „Gay Sonesta 3“ war rot-blau-weiß, und sie hatte ein hellblaues Dach. Auf dem konnten wir uns sonnen, sofern die Sonne schien. Und sofern unser schwimmendes Ferienhaus uns Zeit dazu ließ. Die Kinder, besonders die 15jährige Michaela und der 14jährige David, hatten sich einen solchen Urlaub gewünscht: „Immer nur Strand und Nordsee! Die anderen aus der Klasse fahren alle nach Italien oder Frankreich!“ Auch der achtjährige Jakob fühlte sich allmählich dem Burgenbaualter entwachsen.

Also fuhren wir nach England. Nicht einfach nur so nach London oder mit dem Auto durch Wales, nein, wir schipperten auf der Themse. Unser Boot holten wir in Maidenhead ab, einem unenglisch modernen Ort, an dem für uns das Aufregendste die Firma war, bei der wir das Schiff bestellt hatten. Jubelnd nahmen es die Kinder in Besitz, begeisterten sich an Herd, Kühlschrank, Fernseher und Waschraum mit Dusche und Toilette als hätten sie ihre bisherige Kindheit in Behelfsbaracken verbracht.

Ich ging ans Auspacken der Koffer und der vielen Lebensmittel, die wir in London gekauft hatten. Sie schienen, mehr für ein Überlebenstraining bestimmt als für eine geruhsame Woche auf der Themse, und ich könnte mich nicht genug darüber wundern, was alles auf einem so verhältnismäßig kleinen Schiff Platz hat. Ich gestehe, daß ich die Urlaubsplanung eher mit Skepsis verfolgt hatte. Mir wir schon in frühester Kindheit von meiner Großmutter eingetrichtert worden, daß Wasser keine Balken hat; außerdem befürchtete ich einen eher arbeitsreichen Urlaub.

Wir legten ab. Um mit einem Schiff wie der „GaySonesta“ auf der Themse zu fahren, braucht zwar der Urlaubskapitän keinen Führerschein, doch beim Buchen des Bootes bekommt jeder, der das zum erstenmal macht, ein Heft zugeschickt, in dem nicht nur alle Vorschriften enthalten sind, sondern auch alle Bojen, alle Knoten, eben alles, was der Themse-Fahrer dann auch kennen muß. Der Familienvater setzte sich ans Ruder. Er behielt während der nächsten sieben Tage die Herrschaft an Bord. Er war der Kapitän, der Steuermann und Matrosen ernannte. Seinen Anweisungen war unbedingt und sofort Folge zu leisten. Das ging besonders Michaela und David an, die die „Gay Sonesta“ bei Schleusen und Anlegeplätzen an Bug und Heck festmachen mußten. Und das war immer spannend; schließlich war das Schiff fast elf Meter lang und dreieinhalb Meter breit.

Am ersten Abend – nach drei Meilen Fahrt – legten wir an einer Wiese an und verteilten die Betten. Vater und ältester Sohn durften vorn schlafen auf den beiden Bänken links und rechts neben dem Ruder. Tisch und Bänke der Sitzecke in der Mitte des Schiffes wurden zu einem Doppelbett für Michaela und Jakob verwandelt. Ich hatte die Einzelkabine neben dem Waschraum. Ein Pferd besuchte uns, wurde gefüttert, ebenso ein paar Enten, ein Wasserhuhn. Nachts ebenso es aufs Dach. Morgens war alles ein bißchen feucht: der Zucker, das Salz, die Wäsche. Michaela duschte lange und ausgiebig und wurde beschimpft, weil Wasser schließlich an Bord nicht unerschöpflich ist. Der Wassertank mußte nachgefüllt werden, auch die Toilette mußte in Abständen geleert werden. Besonders David hielt zur Sparsamkeit an und schlug vor, abends mit der Taschenlampe zu lesen, um Strom zu sparen.

Das Interessanteste für die Kinder, waren die Schleusen. Auf unserer nicht eben langen Strecke von Maidenhead (oberhalb Windsors) bis Oxford zählten wir 21 Schleusen! Mir waren sie nicht besonders geheuer. Michaela und David sprangen jedesmal von Bord, einer vorn, einer hinten, um das Boot festzumachen. Selten ging es sofort in die Schleuse hinein, fast immer mußte man warten; manchmal hatte der Schleusenwärter gerade tea time, meist aber waren die Schleusen überfüllt. Wir waren nicht die einzigen, die auf diese Art Urlaub machten, allerdings trafen wir keine Landsleute. Endlich in der Schleuse, mußte das Boot neuerlich festgemacht werden; öffnete sich das Schleusentor, mußten die Leinen gelöst werden und die Kinder zurück an Bord. Einmal verpaßte Michaela den Aufsprung, einmal sprang der Motor nicht wieder an, einmal war es so voll vor der Schleuse, daß kein Pflock mehr für uns da war und wir Mühe hatten, das Schiff zu halten, denn es war auf der Rückfahrt, flußabwärts.