Von Rudolf Wildenmann

Etwa dreitausend Personen haben in der Bundesrepublik Spitzenämter inne. Nennen wir sie die Positionseliten unserer hoch organisierten Gesellschaft.

Die Kriterien, die für die Zugehörigkeit angelegt werden müssen, sind engmaschig. Auch ist nicht von den „Besten“ im Sinne Platos die Rede – niemand weiß, ob „mit dem Amt“ auch wirklich „der Verstand kommt“, wie der Volksmund sagt. Die Rede ist von den „Obersten“, und ausgesucht werden sie nach ihren Ämtern.

Auf ihrer Gipfelhöhe ist die Ämterkumulation nicht sehr stark: Die 3000 üben etwa 3500 Ämter aus, nicht eingerechnet, was alles mit solchen Spitzenpositionen an Neben- und Ehrenämtern einhergeht. Freilich gilt nach wie vor: Ein Amt stützt das andere, und alle zusammen stützen die Person.

Die Verweildauer in solchen Positionen ist, von Ausnahmen abgesehen, kurz: vier bis acht Jahre. Wer Macht hat, altert rasch im Amte. Das hat unterschiedliche Ursachen: Generale werden früh pensioniert; Universitäten und wissenschaftliche Organisationen sehen in der Regel kürzere Amtszeiten vor; parteipolitisch definierte Ämter sind seit den sechziger Jahren dynamisiert; auch die Verwaltungsspitzen unterliegen indirekt dem Wandel durch Wahlen. Um so mehr fallen die Bereiche auf, in denen sich die Amtsträger länger halten – in den Massenmedien, den Gewerkschaften, den Wirtschaftsverbänden und den Großunternehmen der Wirtschaft. Auch Kirchen, Kulturverbände und die kulturellen Elitepositionen bieten eine vergleichsweise lange Amtsdauer.

Die Gründergeneration der fünfziger Jahre schied mit dem Regierungswechsel von 1969 mehr oder weniger aus. Da wir, anders als England, kein Oberhaus haben, in das die Ausscheidenden hineingeadelt werden konnten, sind sie, wie die Bonner Sprache verrät, „weg vom Fenster“. Nur bei den ersten Wahlen zum Europäischen Parlament boten sich einige politische Rückzugspositionen (übrigens nicht nur für Deutsche).

Der soziale und politische Wandel, der sich – beginnend mit den Wahlen von 1961, dann verstärkt in den Studentenprotesten von 1968 – Luft schaffte, hat zwar die hierarchische Struktur unserer Ämter nicht oder kaum verändert, aber zu einer rascheren „Zirkulation der Eliten“ geführt. Allenthalben führen Wahlen unter dem Druck des Partizipationsverlangens zu einem verstärkten Durchfluß. Rasche Elitezirkulation wird zu einer normalen, institutionell angelegten Erscheinung. Politischer Wandel wird trotz Konstanz der Ämter die Regel. In der Ära Adenauer konsolidiert, unter Erhard, Kiesinger und Brandt dynamisiert, seit Schmidt zu mehr als der Hälfte neu besetzt – so ließe sich die Entwicklung grob skizzieren. Nicht wenige „Füchse“ im Sinne Paretos, die in den sechziger Jahren revoltierten, haben sich seit Mitte der siebziger Jahre in Amt und Würden gesetzt, haben sich in „Löwen“ verwandelt.