München

Der Mann im schwarzen Rollkragenpullover beugt sich vor, nippt an seinem Tee und hebt beteuernd die Hände: „Ja“, sagt er mit beinahe schneidender Stimme, „Ja, ich möchte beweisen, daß es mir nicht um Posten geht. Ich bleibe auch draußen vor der Tür, wenn mir meine Genossen keinen Stimmkreis geben.“ Der so spricht, hat, zumindest materiell, allen Grund, gelassen in die Zukunft zu sehen. Mit 8000 Mark Monatspension braucht sich Georg Kronawitter (53) seit seinem Auszug aus dem Münchner Rathaus vor vier Jahren keine Sorgen mehr zu machen. Wenn nur die Politik nicht wäre, jene kalkulierbare Unberechenbarkeit seiner SPD-Genossen, denen es in diesen Tagen zu gelingen scheint, den ehemaligen Münchner Oberbürgermeister wirklich draußen vor der Tür stehen zu lassen.

In den Landtag wollte der Frühpensionär bei der Wahl am 10. Oktober dieses Jahres einziehen. Doch wie schon vor vier Jahren, als sich der Bauernsohn aus Oberbayern mit viel Aussicht auf Erfolg anschickte, seiner Partei die Macht in Bayerns Landeshauptstadt eine weitere Amtsperiode lang zu erhalten, ist Kronawitter auch jetzt wieder seinen Genossen „nicht vermittelbar“. Sie schmetterten seine Landtags-Kandidatur ab..

Ein neues Kapitel in der Tragödie um den Niedergang der in München 30 Jahre lang siegreichen SPD läuft da wieder einmal öffentlich ab, vielleicht das letzte der zum politischen Selbstmord entschlossenen Genossen. Es begann im Herbst letzten Jahres, als Kronawitter sich um einen vakanten Stimmkreis im Münchner Norden bewarb. Doch statt den noch immer populären Ex-Oberbürgermeister als Stimmenmagnet in die Arme zu schließen, gaben sich die Genossen spröde. Immerhin hatte sich Kronawitter seit seinem ruhmlosen Rückzug aus dem Rathaus beharrlich als Exponent des, wie er sagt, „gemäßigten“ SPD-Flügels betätigt. Hatte – mit Kasse und Kartei – einen eigenen „rechten“ Zirkel in der Partei gegründet und war so wieder zu einem ernsten Gegner der linken Mehrheit geworden. Kein Wunder, daß die sofort aktiv wurde, als sich das Comeback des „Freizeitpolitikers“ – wie die Linken Kronawitter nennen – andeutete.

Ein einfacher Trick sollte den Unbeliebten abwehren: Neue Mitglieder – von den „Linken“ angeworben –, um die Mehrheit in dem von Kronawitter angepeilten Ortsverein nicht zu verlieren. Doch auch der Ex-Oberbürgermeister schlug für sich die Werbetrommel. Als es zur ersten Abstimmung über den Landtagskandidaten kam, hätte der „Gemäßigte“ beinahe die Mehrheit gehabt. Beinahe, wenn jene 85 Neu-Genossen stimmberechtigt gewesen wären, die Kronawitter für sich anwerben ließ. Viermal vertagte der „linke“ Vorstand deren Aufnahme, versäumte dabei aber nicht, 50 neue „Linke“ umgehend mit Parteibüchern zu versorgen. Kronawitter („das war einer demokratischen Partei absolut unwürdig“) witterte einen faulen Trick und focht die Nominierung seines Gegenkandidaten Max Weber an.

Im zweiten Anlauf verkehrten sich die Fronten. Gestärkt durch die endlich aufgenommenen Neu-Mitglieder ging der Kronawitter-Flügel mit 156:69 Stimmen in Führung. Doch dieses Mal rebellierten die „Linken“ – bis jetzt mit Erfolg. Es bleibt also bei der Nominierung Webers – es sei denn, eine höhere Schiedsinstanz der SPD entscheidet sich noch anders.

Derlei Querelen sind letzten Endes nur Vorgefechte für jene Auseinandersetzung, die Münchens SPD noch bevorsteht: Es gilt, einen attraktiven Kandidaten zur Wahl des Oberbürgermeisters zu finden, um im Frühjahr 1984 nach sechsjähriger Abstinenz wieder an die Macht in der Stadt zurückzukehren. Zwar hat sich in München längst herumgesprochen, daß die Sozialdemokraten völlig zerstritten sind, daß mit den SPD-Spitzenmännern nicht einmal mehr Stadt-Staat zu machen ist. Doch erweist sich auch die Alternative nicht als sonderlich attraktiv: Kronawitters Nachfolger im Rathaus, dem CSU-Mann Erich Kiesl, gelang es bis jetzt nicht, in die Rolle eines populären Stadtvaters hineinzuwachsen, wie sie Kronawitters Vorgänger Hans-Jochen Vogel und am Ende auch Kronawitter ausfüllte. So spotten denn auch Kiesls Fraktionsfreunde heute ungeniert über die häufigen Reisen des Oberbürgermeisters nach Afrika und Amerika, während manche Stadtteile noch immer auf den Besuch des seit vier Jahren Regierenden warten. Kronawitters Schlachtruf „Kiesl ist nicht unschlagbar“ ist ziemlich realistisch.