ARD, Samstag, 27. Februar: „Bahnsteig 11“, Eindrücke in der Münchner Bahnhofsmission, ein Bericht von Iris von Finckenstein

Nichts Besonderes auf den ersten Blick: Eindrücke, gesammelt im Lokal der Münchner Bahnhofsmission. Alltagsbegebenheiten. Ein Mann strickt Strümpfe und erzählt, auf der Flucht vor der Wochenendeinsamkeit, seine Lebensgeschichte; ein anderer, abends der letzte und morgens der erste, hält den Vogelbauer mit den beiden Wellensittichen wie eine Monstranz in der Hand, Gott segne euch, Freunde; ein dritter bettelt um einen Stuhl für die Nacht – ein Bett sei für einen wie ihn ohnehin nicht zu finden.

An zwei nette Damen, so die beruhigende Ankündigung einer Helferin von Bahnsteig 11, wird ein Zimmer vermittelt, Frauen und Kinder haben’s hier leichter als Männer; ein junges Mädchen schreit ins Telephon, verlangt Geld, sofort und telegraphisch zu Händen der Bahnhofsmission von irgendwoher sucht jemand Kontakt – umsonst: „Ich kann Sie nicht hören, Sie sprechen so leise.“ Trostworte werden gespendet, Brote verteilt, Schlafende geweckt, Säuglinge gewickelt, Routinearbeit einer Bahnhofsmission. Nichts Besonderes.

Aber dieses Alltägliche in einer Art und Weise präsentiert, sachlich, behutsam, kenntnisreich, die wieder einmal für die Verläßlichkeit jener Redaktionen sprach, deren Aufgabe es ist, das ARD-Programm am Samstagnachmittag um fünf unter dem weiten Oberbegriff religiös zu strukturieren: Da sind Kenner am Werk, die wissen, was Wertarbeit ist, Fachleute, die zwischen Sentimentalität und Anbiederei, Bekenner-Pathos und zur Schau getragener Welthaftigkeit noch immer den rechten, das eine so gut wie das andere Extrem meidenden Weg gefunden haben.

Dreißig Minuten über irgendeine der einhundertundelf bundesrepublikanischen Bahnhofsmissionen – das war zum ersten sekundenschnelle Darstellung der Geschichte (Bewahrung der Mädchen vom Lande vor den Sünden der Großstadt: so fing man an, und folgerichtig begann der Film mit der Ankunft einer Schönen und Blonden vor Münchens Toren); das war zum zweiten optische Chronik von vierundzwanzig Stunden Missionstätigkeit, in der nüchtern und kommentarlos die Ausweglosigkeit einer Armen-Existenz dargestellt wurde („Gehen Sie spazieren, die Nacht über, ich kann Ihnen nicht helfen“), und das war schließlich die Dokumentation christlicher Unbeholfenheit in Konfrontation mit dem Elend: ein Eingang für Katholiken, ein Eingang für Protestanten.

Ökumene, zum Gespött geworden auf dem Hauptbahnhof München unter Pennern, Spinnerten, Herumirrenden, Kranken, und dabei fiel kein Wort der Anklage.

Ein treffliches Stück unterkühlter Darstellung, dieser Bericht, in dem das Bild dominierte, die Sätze der Beteiligten den Nebenpart spielten („Früher hing hier der Spruch Fürchte dich nicht, glaube nur. Den haben wir abgenommen in Anbetracht unserer Hilflosigkeit“) und der Kommentar sich beinahe beiläufig gab – aber jeder Satz war ein Treffer: „An Wochenenden ist die Bahnhofsmission die einzige soziale Institution, die nicht geschlossen hat.“

Anlaufstelle in einem Bahnhof: Zufluchtsort für solche, die das Laufen verlernt haben – in einer Reihe von alltäglichen, also unbekannten Bildern wurde in einer Bahnhofsmission vor Augen geführt, was Unterwegssein bedeutet. Unterwegs ohne Wohin. Momos