Im Klappentext wird nachdrücklich darauf hingewiesen, demnächst komme der Spielfilm zum Buch mit James Mason in der Hauptrolle, und da wir in einer Zeit lebten, die nach Mystischem verlange, sei hier vorgestellt –

Charles Kingsley: „Die Wasserkinder“; Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt, Salzburg; 142 S., 24,80 DM.

Ehe ich auf die durchaus verdienstvolle Tat zu sprechen komme, diesen englischen Kinderbuch-Klassiker dem deutschen Leser zugänglich gemacht zu haben, müssen ein paar Bemerkungen zu den Hinweisen des Klappentextes erlaubt sein. Es ist ja gut, daß unsere Kinder manchmal durch das nachhaltige Erlebnis eines Films dazu angestoßen werden, dieses oder jenes Buch zu lesen. Besser freilich wäre es doch umgekehrt. Dann würden sie merken, wie schwer es fällt, eine phantastische Geschichte originell zu verfilmen, welch unschlagbar gute Filmmaschine wir mit unserem individuellen Vorstellungsvermögen, mit unserer Phantasie besitzen, sofern diese nicht durch eine maßlose Überflutung mit raffiniert zubereiteten Klischeekitsch- und Werbebildern zerstört wird.

Interessant wäre es freilich auch, der Feststellung nachzugehen, daß unsere Zeit Mystisches verlange. Ich beschränke mich hier auf die Gegenfeststellung, daß diese Geschichte ganz und gar nicht mystisch ist. Ich hege den Verdacht, daß dieses Wort mit der Absicht gewählt worden ist, das Buch auf einer Trendwelle schwimmen zu lassen. Das hat die originelle, kinderfreundliche Geschichte Charles Kingsleys überhaupt nicht nötig.

Tom, ein armer, unwissender, sehr schmutziger Schornsteinfegerjunge (ein Vorfahre von Lisa Tetzners „Schwarzen Brüdern“) wird von Meister Grimes rüde behandelt. Bei seiner Arbeit in den Kaminen des Gutshauses Harthover erschreckt Tom Ellie, die Tochter des Gutsbesitzers, Sir John. Tom flüchtet, durchquert, von seinem Schutzengel in der Gestalt einer jungen Irin bewacht, ein Hochmoor, findet bei einer Dorfschullehrerin vorübergehend Aufnahme und wird dann zum „Wasserkind“. Es sind dies Kinder, die die Feen den Menschen weggenommen haben, weil diese kleine Jungen und Mädchen, manchmal aus Dummheit, manchmal aber auch mutwillig, grausam behandeln. Die Kinder leben nun „unter Wasser“, in den Flüssen, Seen und Ozeanen. Über die Erziehungsprinzipien und die Ideale dieser „Anderswelt“ ist man ins Bild gesetzt, wenn man weiß, daß es dort eine Frau Dir-gescheh-wasdu-Getan und eine Frau Tu-wie-du-willst-daßman-dir-Tu gibt. Tom macht als Wasserkind einen Erziehungsprozeß durch und unternimmt schließlich eine abenteuerliche Fahrt durch das weite Feenreich unter Wasser. Er begegnet dabei auch Hendrik Hudson, dem Entdecker von Hudson-Fluß und Hudson-Bay, der hier recht desillusionierend dargestellt wird: „Ich habe die armen Indianer an der Küste von Main entführt und sie unten in Virginia als Sklaven verkauft. Und am Schluß habe ich meine eigene Schiffsbesatzung so geschunden, daß sie mich in einem offenen Boot ausgesetzt haben und man nie mehr etwas von mir gehört hat. Jetzt bin ich der König der Eissturmvögel, bis ich meine Zeit abgedient habe.“

Erfahren und gestärkt, erlöst Tom den ihm ehemals verhaßten Meister Grimes aus einem Gefängnis des Elfenreiches. Als Bewachungspersonal fungieren dort Schlagstöcke mit Augen im Kopf.

Grimes kommt allerdings nur zur Bewährung frei: Er muß sich beim Putzen des Ätnakraters tummeln.