Die Autorin dieses Beitrags macht zur Zeit das 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern Deutsch, Sport und Erziehungswissenschaften. Dummerweise unterbrach sie ihre Arbeit und blätterte in der ZEIT. Die Lektüre stimmte sie nachdenklich.

Da sitze ich also inmitten von ungefähr vierzig Büchern und Zeitschriftenartikeln, Karteikarten, Notizzetteln, alten Seminararbeiten und allem, womit sich die durchschnittliche Examenskandidatin umgibt, und schreibe an meiner Zulassungsarbeit.

In einer kurzen Verschnaufpause greife ich nach der ZEIT, mit Überlegung den Teil heraussuchend, der nicht an meine Arbeit erinnert. Also weder „Feuilleton“ noch „Bildung“ oder „Berufe“; auch „Politik“ oder „Wirtschaft“ sollen es nicht sein. Nach all den geistigen Höhenflügen glaube ich, daß das „Moderne Leben“ gerade das Richtige für mich ist,

Während ich noch von Kanzler Schmidts Gang durch die Güstrower Straßen lese, fällt mein Blick auf die Anzeige einer Privatfachschule. Bei Worten wie „Hochschulabsolventen“ und „1. Staatsexamen“ scheinen meine Sinnesorgane besonders empfindlich zu reagieren; Diese Anzeige trifft mit ziemlicher Sicherheit in zehn Monaten auf mich zu: „Hochschulabsolvent“ – ganz bestimmt. Denn mit einem Nichtbestehen der Prüfung rechne ich nicht. „... nach dem 1. Staatsexamen arbeitslos?“ – Auch das wird wohl so sein. (Freunde von mir, die das Examen „nur“ mit „gut“ bestanden haben, warteten zwischen einem und eineinhalb Jahren auf einen Referendariatsplatz.)

Interessiert – da direkt angesprochen – lese ich weiter und erfahre, daß ich mich in einem einjährigen Kurs zur Fremdsprachensekretärin ausbilden lassen kann. Es scheint, daß ich sogar noch einen Vorsprung vor der Konkurrenz habe, denn „die Ausbildung ist besonders geeignet für arbeitslose Lehrerinnen“. Welch ein Glück, daß ich weiblichen Geschlechts bin und mich vor fünf Jahren für einen Studiengang des Lehramts an Gymnasien entschieden habe. Doch halt, ich muß „mindestens“ das 1. Staatsexamen haben. Was passiert, wenn sich nun eine Lehrerin mit abgelegtem 2. Staatsexamen oder ein arbeitsloser Dr. phil. bewerben?

Mit weniger Enthusiasmus und mehr taktischem Kalkül überlege ich mir meine möglichen Pluspunkte:

  • Da ich meine Examensarbeit in deutscher Sprachwissenschaft schreibe, nimmt man an der Fachschule vielleicht an, daß meine Deutschkenntnisse ausreichend sind.
  • Zum Glück habe ich in der Schule sieben Jahre Französisch gelernt und das Kleine Latinum erst an der Universität abgelegt.
  • Die paar Jahre Russisch könnte ich eventuell auch noch erwähnen.
  • Die Nachweise der Niederländisch-Kurse (sowie den niederländischen Freund) sollte ich zumindest in petto halten.
  • Von meinem einjährigen Auslandsstudium an der Universität Oxford erhoffe ich mir den möglicherweise alles entscheidenden Zehntelpunkt.