West-Berlin

Nicht nur Asylanten sollten Granulat von Berlins Straßen schaffen. Der Senator für Arbeit und Betriebe, Edmund Wronski, spielte alten Trümmergeist auf: Mit Hilfe eines Besens der Berliner Stadtreinigung, ermunterte er die Berliner, sollten sie ihr Granulat freiwillig selber beseitigen. Und tatsächlich: Letzte Woche haben rund hundert Berliner gefegt, das heißt, sie haben sich zumindest Besen geholt. Manche Berliner, so weiß ich nämlich, gingen die Sache locker an: Sie eilten, sich den Besen der Berliner Stadtreinigung zu holen als brauchbare Leihgabe für die Frühjahrsarbeit um Häuschen und Garten.

Ich bekomme meinen Besen in der „Notausgabestelle“ der Hauptverwaltung der Berliner Stadtreinigung von Ali. Als er mir den funkelnagelneuen Besen überreicht, holt er weit aus und spricht: „Bitte, meine Dame.“ Ich werde um meinen Ausweis gebeten. Doch: Wer fegt schon mit Ausweis? So reichen Anschrift und Unterschrift. Nur Atemschutz und Staubbrille, ich bitte darum, und eine Schutzjacke vielleicht – nein, die hat Ali nicht.

Er ruft den „Chef“ an und drückt mir den Hörer in die Hand: „Solche Vorsorgemaßnahmen wurden für den Bürger nicht vorgesehen.“

Wo der Dreck am dicksten liegt in Berlin und wo es am meisten hapert mit der Beseitigung des Granulats, ja, wo am dringendsten gefegt werden müßte, das kann ich trotz mehrerer Telephonate nicht erfahren. „Vorwiegend soll vor öffentlichen Gebäuden gefegt werden“, mehr erfahre ich nicht.

Weniger zugeknöpft ist ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung, der Bedürfnisanstalten betreut und den ich zufällig an die Strippe bekomme, weil ich mich verwählte: „Oranienstraße, Generalstraße, Heinrichstraße, Kottbusser Damm oder Adalbertstraße, das ist sonst gar nicht zu schaffen.“ Und weiter spricht er: „Und Ausschlag bekommt man vom Granulat.“

Ich wiederhole die Straßennamen – da sagt einer, der sich einen Besen holt: „Bei den Türken fege ich nicht.“ Mein erster Besenstrich ist ein glatter Mißerfolg. Aber die Einsatzstelle – Tempelhofer Ufer vor dem Kaufhaus Hertie und einem großen Postamt – lohnt sich. Die ganze rechte Fahrspur liegt unter Granulat begraben. Ich komme in Übung. Das leiseste Lüftchen muß grundsätzlich von achtern wehen, sonst ist man verloren. Der Besen muß senkrecht aufgesetzt werden, und fast von selbst finde ich dann zu den kurzen Besenstößen, wie sie die Saubermänner machen. Ich muß in die Mitte der zweiten Fahrspur treten. Sonnabendsgedränge. Das tue ich wie ein Straßenfeger, selbstverständlich.