Von Richard Gaul

Über einen Punkt sind sich Unternehmer, Politiker und Wissenschaftler in der Bundesrepublik einig: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf den Weltmärkten wird weitgehend davon abhängen, ob sie bei der Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik eine führende Stellung einnimmt. Das Bundesforschungsministerium meint, „daß rund 600 Milliarden Mark des heutigen deutschen Industrieumsatzes und mehr als fünfzig Prozent des Exportwertes beim heutigen Stand der Technik durch die Elektronik beeinflußt werden. Treibende Kraft für diesen ständig wachsenden Einfluß ist der hohe Innovationsdruck, der von den Bauelementen der Mikroelektronik ausgeht.“ Und Helmar Krupp vom Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung schreibt: „Einige zehntausend Menschen erzeugen in der Bundesrepublik mikroelektronische Bauelemente, einige hunderttausend Beschäftigte bauen damit Geräte, diese Geräte werden von einigen Millionen Beschäftigten benutzt.“

Die kleinen elektronischen Schaltkreise werden immer leistungsfähiger; sie erschließen sich deshalb auch immer neue Anwendungsgebiete. Wo gemessen, gesteuert und geregelt wird, können sie eingesetzt werden – bei der Heizung im Wohnzimmer ebenso wie in einem Chemiewerk. Integriert auf einem fingernagelgroßen Stück Silizium kann ein solcher Schaltkreis riesige Datenmengen in Bruchteilen von Sekunden verarbeiten. Er ersetzt mechanische Steuerungen in der Uhr ebenso wie bei einer Werkzeugmaschine. Er macht neue Produkte möglich, den Taschenrechner und den Videorekorder. 1978 wurde für 320 Milliarden Mark Elektronik in der Welt produziert; 1985 werden es schon 600 Milliarden sein. „Die Mikroelektronik macht zwar nur rund fünf Prozent dieses Elektronik-Umsatzes aus, sie bestimmt aber die Wettbewerbsfähigkeit“, analysiert Fritz A. Lohmann, Leiter des Volvo-Unternehmensbereichs Bauelemente der Philips GmbH.

Beim Urteil über die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Mikroelektronik-Hersteller scheiden sich allerdings die Geister. Valvo-Manager Lohmann gibt sich gelassen: „Wir haben da sehr.stark aufgeholt“; und Siemens-Chef Karlheinz Kaske, Vorstandsvorsitzender des zweitgrößten deutschen Herstellers von integrierten Schaltkreisen, meint gar: „Technologisch haben europäische Mikroelektronikhersteller den gleichen Standard wie ihre Wettbewerber in den USA erreicht.“

Bundesforsdiungsminister Andreas von Bülow ist da nicht ganz sicher: Zwar glaubt er einerseits, „die deutsche Elektronik-Industrie hat in den siebziger Jahren erhebliche Anstrengungen gemacht, um einen technologischen Rückstand aufzuholen. Dies ist nach Meinung von Sachkennern im großen und ganzen gelungen.“ Sachkenner von Bülow tönte aber andererseits im Januar vor dem Deutschen Gewerkschaftsbund in Düsseldorf: Die Amerikaner und Japaner „haben heute einen Vorsprung, der nicht weiter wachsen darf, wenn wir nicht abgehängt werden sollen“.

Deutlicher wird da noch Gerhard Zeidler, Forschungschef des Elektronik-Anwenders Standard Elektrik Lorenz (SEL) in Stuttgart. Nach seiner Ansicht ist der Vorsprung vor allem der USA in der Mikroelektronik bei weitem noch nicht geschwunden. Wegen der starken Förderung der amerikanischen Industrie durch Rüstungs- und Raumfahrt-Aufträge werde er sogar noch wachsen. „Uneinholbar vorn“ fand in internem Kreis im Dezember vorigen Jahres der damalige Valvo-Chef Gerhard Lorenz die USA in der Datentechnik. Auch Siemens-Chef Kaske sieht in den Bestellungen der Militärs einen Wettbewerbsvorteil für die USA-Konkurrenz: „Bei diesen Großaufträgen der US-Administration können die US-Hersteller neue Produkte zu fest vereinbarten Preisen absetzen, die Kosten für die Entwicklung, die Investitionen und die Fertigung sowie einen angemessenen Gewinn decken und anschließend über diese Technik frei verfügen. Allein der Verteidigungsmarkt in den USA nahm 1980 für über vierhundert Millionen Dollar Integrierte Schaltungen auf; das entspricht 7,5 Prozent dieses Marktes in den USA und sechzig Prozent dieses Marktes in der Bundesrepublik.“

Tatsächlich produziert die amerikanische Industrie weit mehr Integrierte Schaltungen als im eigenen Land verwendet werden. In Japan werden immerhin genauso viele Chips hergestellt, wie die heimischen Kunden brauchen. In der Bundesrepublik dagegen kommen nur rund die Hälfte der benötigten Schaltungen aus eigener Fertigung.