Von Andreas Kohlschütter

Ankara, im März

Aufatmen und Erleichterung über das Ende des blutigen Bürgerkriegsterrors prägen noch heute, achtzehn Monate nach dem Coup der Generäle am 12. September 1980, das Stimmungsbild in der Türkei. Die 20 bis 30 Terroropfer, die es in den Monaten vor der militärischen Machtübernahme täglich gegeben hatte, waren für alle Bevölkerungsschichten eine schwere Belastung gewesen. Der Terror ist nicht vergessen. Die Gewalttätigkeit und Verwilderung des öffentlichen Lebens hatte alle Menschen mit Angst und Schrecken erfüllt und die Sicherheit, die Familie, das Leben jedes einzelnen bedroht. Das von Atatürk auf Ruhe, Ordnung, Obrigkeitsliebe und Selbstrespekt getrimmte Staatsverständnis der Türken – („sei stolz, arbeite, fühle dich sicher“) war dadurch zutiefst erschüttert worden.

Die unbestreitbaren Erfolge auf dem Gebiet der inneren Sicherheit brachten den Generälen einen noch immer nicht erschöpften Vertrauensvorschuß ein. „Noch haben sie ein Konto, von dem sie täglich abheben können, ohne es zu überziehen“, muß ein linksintellektueller Regimegegner zugeben. Die von den Militärs verkörperte Wendung vom schlappen zum starken, ja harten Staat wird weitherum gutgeheißen. Explosive Verbitterung und sich ballende Unruhe sind nirgends festzustellen.

Diese türkische Ruhe ist keine Friedhofsruhe. Die Generalsherrschaft ist autoritär, nicht totalitär, unduldsam und ungeduldig, nicht unmenschlich, kein Unrechtsregime, „mit Pinochet und zentralamerikanischen Bananen-Diktatoren nicht verwandt“, wie ein westlicher Beobachter kommentiert. Der auffallende Verzicht auf vehemente Regimekritik ist durch den militärischen Zensur- und Kontrollapparat oder das Verbot aller politischen Aktivität allein nicht zu erklären – um so weniger, als politisch exponierte Persönlichkeiten weder am Telephon noch in öffentlichen Lokalen besondere Bespitzelungsängste erkennen lassen. Dahinter steckt vielmehr eine gehörige Portion Zustimmung bei der überwiegenden Mehrheit des Volkes.

Ex-Premier Bülent Ecevit, der wegen aufmüpfiger Obrigkeitskritik inhaftierte, vor kurzem frühzeitig entlassene Sozialreformer, Linksdemokrat und ehemalige Führer der Republikanischen Volkspartei, ist anderer Meinung. In seiner einsamen, von Büchern, Gedanken und Erinnerungen vollgestopften Wohnung am Stadtrand von Ankara, richtet er den Blick auf die in anatolische Weiten rollenden Hügel, und spricht vom „neuen Erwachen des Wunsches nach Demokratie, Freiheit und Menschenrechten“. Der alle anderen Regungen betäubende Terrorschock sei überwunden, mit dem „Recht auf Leben“ würden sich die Menschen nicht länger zufriedengeben. Doch auch Ecevit kommt nicht um die Erkenntnis jenes Grundlagenkonsens herum, auf den sich der Generalpräsident Kenan Evren noch immer berufen kann: „Die Menschen schweigen nicht, weil sie sich unterwerfen und ihre Freiheiten nicht vermissen, sondern weil sie verantwortungsbewußt sind und die Dinge nicht noch mehr durcheinanderbringen wollen.“ Das klingt nicht nach einem dramatischen „Erwachen“ oder nach existenzieller Unerträglichkeit.

In Erzerum begrüßten Sprechchöre den zu Wintermanövern angereisten Staatspräsidenten Evren jüngst mit den Worten: „Willkommen, lieber General, Retter des Landes und der Nationalen Wirtschaft.“ Solche Volkshuldigung ist mehr als bloße propagandistische Pflicht- und Drillübung. Trotz aller repressiven Strenge des Militärregimes hält sich im Innern der Türkei bis heute die Überzeugung, daß es eine Alternative zur militärischen Machtübernahme ganz einfach nicht mehr gab. Es ist vom „widerwilligen Coup“ die Rede: „Die Armee rückte an, um sich möglichst bald wieder zurückzuziehen.“ Mit Schrecken wird der einstigen „Fassadendemokratie“ gedacht, mit ihren blockierten Institutionen, ihren zänkischen, hoffnungslos zerstrittenen und entscheidungsunfähigen Politikern, die in 110 Wahlgängen keinen Staatspräsidenten mehr zu wählen vermochten.