In Kairo sind die Mörder von Anwar el-Sadat verurteilt worden. Doch die Auseinandersetzung mit den islamischen Fundamentalisten geht für Präsident Mubarak weiter.

Als „das Ende einer Tragödie“ und die Zurückweisung des „blutigen Terrorismus, der sich hinter religiösen Parolen versteckt“, begrüßte die halbamtliche Presse die Urteile des Obersten Militärgerichtshofes. Fünf Männer – unter ihnen die vier Sadat-Mörder – wurden zum Tode, weitere fünf zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwölf Angeklagte kamen mit Haftstrafen zwischen fünf und fünfzehn Jahren davon; zwei Beschuldigte, unter ihnen Dr. Omar Abdel Rahman, ein blinder islamischer Theologe, gingen straffrei aus. Die Ankläger hatten für alle Verschwörer die Todesstrafe verlangt.

Die Urteile wurden unter chaotischen Umständen verkündet. Die Attentäter, die in einem eisernen Käfig wie Tiere im Zoo gehalten wurden, schrien. immer wieder: „Nur Allah ist unser Richter.“ Voran auch diesmal Ex-Leutnant Khaled el-Islambuli, der als Anführer des Todeskommandos gilt: „Das Blut von Muslims darf nicht vergossen werden für Juden und Amerikaner.“

Der Prozeß wird die innen- und rechtspolitische Diskussion in Ägypten wesentlich beeinflussen. Den Angeklagten ist es nicht gelungen, das Verfahren zu politisieren und zu einem Schauprozeß über die „Auswüchse der Sadat-Ära“ zumachen. Das Gericht, auch die Presse und große Teile der ägyptischen Bevölkerung, haben das Argument der Verteidigung, seit der Verfassungsänderung vom Frühjahr 1980, die das islamische Recht; zur „wesentlichen Grundlage derägyptischen Gesetzgebung erklärte“, sei strikt nachsäen Regeln der Sharia zu verfahren, nicht akzeptiert. Immerhin haben die Anwälte durchsetzen können, daß sich der Staatsgerichtshof mit der Frage beschäftigt, welches Rechtssystem in Zukunft dominieren soll. Die lange Dauer des Mordprozesses erklärt sich aus der Konfrontation der unterschiedlichen Rechtsauffassungen.

Der Prozeß hat die engen Beziehungen zwischen Anwaltskammer – von jeher gegen die Friedenspolitik Sadats – zu den radikalen Fundamentalisten aufgezeigt. Chefverteidiger Abdel Halim Rahman wurde wegen Beleidigung des Gerichts und unbefugter Weitergabe von Prozeßinterna verhaftet; ihm droht eine Gefängnisstrafe. Rahman hatte behauptet, nach islamischer Interpretation müsse der Mord eines „korrupten Tyrannen“ straffrei bleiben.

In der Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus steht Ägypten erst am Anfang einer Prozeßwelle, die sich über Jahre hinziehen kann. Die Anklageschriften gegen 1000 Mitglieder der illegalen islamischen Gruppierung „Neuer Heiliger Krieg“ werden Dutzende Zivilgerichte beschäftigen; den Angeklagten wird vorgehalten, zwei Tage nach der Ermordung Sadats die blutigen Unruhen von Assiut inszeniert zu haben.

Parallel zu dieser Abrechnung mit den Fundamentalisten muß Mubarak seinen Frieden mit den christlichen Kopten machen. Der damals von Sadat verbannte Papst Schenuda, Oberhaupt der koptischorthodoxen Glaubensgemeinschaft Ägyptens, wartet noch immer auf seine Rehabilitierung.

Bruno Funk (Kairo)