West-Berlin

Die Täter kamen am frühen Morgen. Sie besprühten die Wände der Berliner Lokalredaktion der Tageszeitung (taz) so intensiv, daß kaum ein weißer Fleck übrigblieb. Als um neun Uhr die ersten der acht taz-Lokaljournalisten an ihre Arbeitsplätze kamen, sah es aus, "als hätte eine Bombe eingeschlagen". Sie lasen Sprüche wie "Sontheimer Schwanz ab" und "Micha in die Peep-Show". "Michas" Schreibtisch quoll von einer blauen, ekligen Farbmasse, über, die Notizzettel und Manuskriptblätter unter Sich begrub.

Es kam noch schlimmer am Dienstag voriger Woche: Denn in der anschließenden morgendlichen Redaktionskonferenz drückten tez-ler aus anderen Ressorts nicht nur ihre "klammheimliche Freude" über das aus, was angeblich aufgebrachte Leser den Kollegen des Lokalteils angetan hatten; Zugleich wurde offenbar, daß den Eindringlingen von Mitarbeitern des Blattes zur Hand gegangen wurde: Die Schlösser der Lokalredaktion waren unbeschädigt, zumindest einer aus den eigenen Reihen, der Verdacht drängt sich auf, scheint wenigstens als Türöffner mitgewirkt zu haben.

Anlaß für den Konflikt war die Art, wie "Micha", taz-Lokalredakteur Michael Sontheimer, sich in seinem Blatt zuvor mit Peep-Shows beschäftigt hatte. Das Bezirksamt des Stadtteils Charlottenburg hatte verlauten lassen, mit "höchster Priorität" würde untersucht, ob man nicht die fünf Peep-Shows in Nähe des Kurfürstendamms dichtmachen könne – ein Anliegen von engagierten Feministinnen und sittenstrengen Biedermännern gleichermaßen.

Zu einer Meldung darüber hatte Sontheimer das Photo einer nackten Peep-Show-Frau gehoben. Einen Tag später stritt er in einem Kommentar dagegen, daß "der Staat mit einem Verbot die Männer Mores lehren und Hunderte von Frauen arbeitslos machen will". Unter eine recht oberflächliche und unsensibel geschriebene Sontheimer-Reportage ("Peep-Show-Frauen haben Angst um ihren Job") hatte bereits die innerredaktionelle Opposition ihre Meinung gesetzt. In einem kleinen Kasten unter der Überschrift "Urg" erfuhr der Leser, daß sich "Doris, Ulla und Angelika aus dem Satz" sowie "Katrin vom Layout" "von der Art und dem Umfang der Berichterstattung zu diesem Thema distanzieren".

Leserbriefe gegen den "bescheuerten Artikel und Kommentar" kamen stapelweise, und schließlich stank es in der taz nach Sprayfarbe, Parolen an Wänden und Türen, Farbe in der Kaffemaschine. Die anderen Lokalredakteure waren von Sontheimers Peep-Show-Sympathie zwar auch nicht begeistert, praktizierten nun aber die selbstverständliche Solidarität. Ihre vier Seiten in der Mittwochausgabe blieben zensurhaft weiß, nur in ei nem Kommentar unter der Zeile "Null Bock" äußerten sie ihre Betroffenheit über Leser und Kollegen: "Die Unduldsamkeit gegenüber der anderen Meinung, in der Redaktionsarbeit tägliche Erfahrung und sonst das Salz in der Suppe, kehrte sich diesmal um in eine destruktive Kraft des Mundverbietens und Maulhaltens."

Allein in Berlin verkauft die taz montags bis freitags 17 000 Exemplare; durch den journalistischen Dauerbrenner der Hausbesetzungen und allem, was damit, zusammenhängt, ist sie längst nicht nur zum Pflichtblatt der ausgedehnten alternativen Szene geworden, sondern auch zur werktäglichen Frühstückslektüre von Politikern, Richtern und Staatsanwälten.