Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Mit einer Handbewegung, die abwehrt und zugleich wehrlos wirkt, weist Bischof Bronislaw Dabrowski, der Sekretär des polnischen Episkopats, die wenigen, aber lästigen Frager zurecht, die ihn auf dem Flughafen von Rom bestürmen. Warum auch sollten die Warschauer Militärs, denen der Groll der Leute genug zu schaffen macht, schon jetzt Hindernisse für den geplanten Papstbesuch in der Heimat errichten? "Bis August ist noch Zeit" – auch für die Kirche, der es an frommen Jubiläumsterminen auch im nächsten Jahr nicht mangeln wird. Doch wieviel Zeit und welche Mittel haben die Polen noch, um aus ihrer Sackgasse herauszukommen? Das ist die eigentliche Frage, die in dieser Woche Bischof Dabrowski, Erzbischof Stroba (Posen) und Bischof Rozwadowski (Lodz) mit dem Papst beraten haben – "ohne jene Zutaten und Dramatisierungen, mit denen die westliche Presse, leider auch die christliche, manches noch schlimmer macht", wie einer von ihnen sagte.

Die Wirklichkeit ist schlimm genug: In den drei Monaten Kriegszustand, in dem sich Staat- und Gesellschaft immer aussichtsloser gegenseitig "belagern", hat sich untergründig Explosionsstoff gestaut, dem nicht mehr – wie vor dem 13. Dezember – Ventile geöffnet sind. Unkontrollierbare Ausbrüche mehren sich, doch nicht etwa als Signale einer im Untergrund ausgeheckten "Strategie des Terrorismus", wie die Warschauer Militärzeitung glauben machen will. In den Internierungslagern, wo jetzt selbst radikale politische Denker wie Adam Michnik selbstkritisch Bilanz ziehen, aber auch bei den leitenden Köpfen – der konspirativen Gruppierungen herrscht heute, trotz allen von Resignation durchsetzten Orientierungsschwankungen, vor allem ernüchterte Reflexion, kaum blinde Wut. "Einen echten, dauerhaften Kompromiß", der auch definitive Machtverzichte einschließen soll, hat jetzt die Untergrundorganisation von Solidarność auf ihr Programm geschrieben.

Die Schreckenszeichen anarchischer Verzweiflung breiten sich hingegen ganz ohne Strategie und Taktik in den verschiedensten Volksschichten aus, besonders in einer jüngeren Generation, die – ohne eigene Erfahrung politischer und militärischer Niederlagen – jahrzehntelang mit heroischer Geschichte von Aufständen und Partisanenkämpfen gefüttert wurde – und nicht nur durch die Kommunisten. Besorgte Beobachter, zumal im kirchlichen Milieu, fragen sich: Was wird geschehen, wenn Kinder nicht mehr nur – wie es jetzt oft geschieht – Flugblätter in ihren Schultaschen transportieren? Wenn verantwortungslose Fanatiker, die es auf beiden Seiten der Barrikaden gibt, jugendlichen Überschwang zu terroristischen Aktionen mißbrauchen?

Ein Bürgerkrieg braucht nicht "klassische" Formen anzunehmen. Polen ist nicht El Salvador, auch wenn Primas Glemp nicht von ungefähr dieses Stichwort genannt hat. Aber bürgerkriegsartige Zustände könnten sich aus Kettenreaktionen, auch psychologischen, entwickeln, die von Einzeltaten ausgelöst werden. Die Ermordung eines beliebigen Warschauer Milizionärs, der Fund der Tatwaffe im Pfarrhaus – das hat, auch wenn der unbeteiligte Pfarrer nach der Vernehmung freigelassen wurde, symptomatische Bedeutung. Die Kirche, zu allen Zeiten Zuflucht der Polen, nicht nur geistiger, oft auch buchstäblicher Unterschlupf, spürt die Herausforderung zu jener politisch mißverstandenen "Theologie der Befreiung" auf sich zukommen, die Papst Wojtyla überall und entschieden abgelehnt hat und deren (auch für die Kirche) selbstmörderische Gefahren der Episkopat klar erkennt.

Ob diese Risiken aber von all den patriotischen Priestern in Stadt und Land immer einkalkuliert sind? Wenn jetzt nicht wenige von der Kanzel den ohnmächtigen Nachbarn heftig ins Gewissen reden oder auch nur im verschwiegenen Beichtstuhl Gewissensentscheidungen abzusegnen oder zu verwerfen haben?