Von Benjamin Henrichs Ibsen eisig

In Berlin, auf dem Kurfürstendamm, gibt es eine kleine Boutique für die elegante emanzipierte Frau. Name des Kleider-Ladens: "Nora". Vor einigen Jahren drehte der Regisseur Rainer Werner Fassbinder den vermutlich schlechtesten seiner zahllosen Filme, eine öde Stilübung über Hinterglasphotographie und kreisende Kamera. Titel des Machwerks: "Nora". Henrik Ibsens Nora ist eine Kultfigur von Emanzipation und Frauenbewegung geworden – und wie jede Kultfigur wird auch sie schamlos verwertet, vermarktet. In ihr rem "Comic-Schauspiel" "Nora" verlegt Cinzia Ghigliano Ibsens Stück nach Paris und in erlesene Jugendstilkulissen. Nora hat sinnlich .hochgeworfene Lippen und blickt tranig-bedeutsam ins Leere; die Männer sind Finsterlinge mit Bart und stechendem Blick. Nora und die Nußknacker. Witzig ist das komischerweise überhaupt nicht. Gemessen an der frostigen Feierlichkeit dieser italienischen Comic-"Nora" ist das Schauspiel des harschen Nordländers Ibsen ein Werk von geradezu südländischer Leidenschaft. (Cinzia Ghigliano: "Nora"; Verlag Schreiber & Leser, München, 1981; 84 S., 24,80 DM.)

Tschechow-Chronik

Genie und Wahnsinn – ein berühmtes Paar. Und eine populäre, bequeme Redensart. Gegenbeispiele gibt es nicht viele. Zum Beispiel Lessing, zum Beispiel Tschechow: die Verbindung von Genie und Nüchternheit. Peter Urban, der hervorragende Tschechow-Übersetzer, Herausgeber der (leider viel zu wenig gekauften und gelesenen) fünfbändigen Ausgabe von Tschechows Briefen bei Diogenes, hat nun eine "Tschechow-Chronik" vorgelegt, die keine Tschechow-Biographie ist oder vielleicht gerade die beste: eine Sammlung von vielen tausend Namen, Daten, Fakten, beginnend mit dem 17. Januar 1860, Tschechows Geburt, endend mit dem 10. Juli 1904, dem feierlichen Leichenbegängnis für Tschechow in Anwesenheit der Freunde, unter ihnen Maxim Gorki. Urbans Buch ist so pedantisch wie unterhaltsam – und darin Tschechow (den Urban Čechov schreibt) sehr gemäß. Der Dichter starb, was nicht jeder weiß, im Lande der Deutschen – er war zur Kur in Badenweiler. Von dort schickte er einen Monat vor seinem Ende einen Brief nach Hause, der sich noch immer liest wie eine aktuelle Botschaft zur Lage der deutschen Nation: "16. Juni: Ich lebe unter den Deutschen, habe mich bereits an mein Zimmer und die Lebensweise gewöhnt, kann mich aber einfach nicht gewöhnen an die deutsche Stille und Ruhe. Im Haus und außer Haus hört man keinen Ton, nur um 7 Uhr abends und mittags spielt im Park Musik, reich, aber sehr unbegabt. Man verspürt keinen einzigen Funken Talent, in nichts, keinen einzigen Funken Geschmack, aber dafür Ordnung und Ehrlichkeit im Überfluß. Unser russisches Leben hat weit mehr Talent, ganz zu schweigen vom italienischen oder französischen." (Peter Urban: "Cechov-Chronik – Daten zu Leben und Werk"; Diogenes Verlag, Zürich, 1981; 440 S., 49,– DM.)