Von Gert Heidenreich

Es ist immerhin eine Hoffnung, daß die Schriftsteller in unserem Land das notwendige öffentliche Gespräch über die deutsche Wirklichkeit noch wagen, aus dem sich Politiker aller couleur längst davongestohlen haben. Sonderlich ermutigend ist, was Autoren feststellen, freilich nicht. Sie müßten lügen. Die Metapher vom „deutschen Herbst“, 1977 noch Hilfskonstruktion zur Beschreibung eines trostlosen Klimas, inzwischen zur Realitätsformel verhärtet, wird jahreszeitlich fortgeschrieben in dem Band –

„Vom deutschen Herbst zum bleichen deutschen Winter – Ein Lesebuch zum Modell Deutschland“, herausgegeben von Heinar Kipphardt; Verlag AutorenEdition, München, 1981; 396 S., 18,– DM.

Ginge es lediglich um solche Fortschreibung, sein Lesebuch wäre vielleicht nur – und hierzulande ist das schon viel – ein Beleg für die Fähigkeit zu trauern. Daß dieses Buch mehr ist, als sein. Herausgeber, der am 8. März sechzig Jahre alt geworden ist, im Titel verspricht, nämlich Einlassung auf den Zorn, das macht es zu einer jener Publikationen, von denen Rezensenten sich gelegentlich wünschen, man möge sie zur Pflichtlektüre in Schulen machen oder gar zum deutschen „Hausbuch“.

Gespiegelt wird die häßliche Kehrseite der sozialdemokratischen Werbeformel „Modell Deutschland“. Diese Aufgabenstellung enthält bereits, strukturell, die Überforderung: alle Facetten zu zeigen. Kipphardt und sein Mitarbeiter Roman Ritter haben diesen Anspruch auf ein klares, weil einfaches Konzept reduziert: Sie folgen der inneren Chronologie der Ereignisse. Beginnend mit der grundsätzlichen, satirisch beantworteten Frage Bernt Engelmanns: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ schreitet die Erörterung der im deutschen Herbst zerschlagenen Hoffnungen – vor allem die Selbstentblößung der SPD von den Resten sozialistischer Tradition – zum Überwachungsstaat fort, greift kritisch die modische Resignation der 68er auf, trifft neue Tendenzen der Basisdemokratie und mündet in die Angst um das bißchen Nichtkrieg, das wir noch haben. Wahrlich ein weites Feld, 400 Seiten, und wer sie durchhält, hat, auch wenn er „alles schon gewußt“ hat, viel gelernt.

Spannend an einem solchen Konzept ist nicht der große Rundumschlag; spannend sind die kleinen, vom Wer nicht mehr unbefangen lesen; wer Elmar Altvaters Soziologendeutsch „Lohninteressen versus Menschheitsinteressen“ kaum genießbar fand, wird anschließend konkret und verständlich in die gleiche Thematik geführt – vom Gewerkschafter Detlef Hensche und mit den vier schönen Briefen, die Jochen Steffen an seinen Sohn gerichtet hat; wer in den etwas lustlos geschriebenen Anmerkungen von Gerd Fuchs zur „Versaftung Mitteleuropas“ den Biß vermißt, wird sogleich von Jost Herbigs gründlich-nüchterner Aufklärung „Wer aber schützt uns vor unseren Beschützern?“ das Gruseln gelehrt; und wer hier nicht lernen will, dem hilft umgekehrt der letzte Absatz bei Gerd Fuchs – eine knappe Vision des Schreckens – auf die Gedankensprünge.

Kipphardt hat mit den von ihm gesammelten Beiträgen zum Nutzen des Lesers gespielt. Unverständlich nur, warum diesem Herausgeber-Zugriff dreißig Seiten entglitten sind: Ein langer Gedichtzyklus von Rolf Hochhuth fällt nicht thematisch, wohl aber literarisch aus dem Rahmen. Dazu hat Kipphardt selbst mit seinen eigenen Gedichten einen zu strengen Maßstab gesetzt: Sie nämlich sind Glücksfälle der politischen Lyrik, Arbeiten, in denen unmißverständliche Aussagen nicht nur, wie bei Erich Fried, auf präzise Formeln gebracht werden; hinter der Aktualität sind da noch weitere Assoziationsräume eröffnet, in denen Vergangenheit und Gegenwart ins Bewußtsein des Autors dringen, Schmerz erzeugen, Widerstand bewegen. Unwillkürlich vergleicht der Leser diesen Texten die anderen Gedichte des Bandes. Auch Deschners Aphorismen hätte vielleicht kleinere Auswahl gut getan; da wären Kalauer („Deutsche Politik beginnt beim Mitgehen und endet durch Draufgehen“) von Reflexionen („Vielleicht gewisse Denkmäler niederlegen – an Stelle von Kränzen“) zu trennen.