Von Ulrich Schiller

Ich fordere die deutschen Linken auf, darüber nachzudenken, was eigentlich ihr Ziel ist. Mir scheint, sie haben sehr abstrakte, unklare Ziele. Sie sollten sich selbst fragen, ob sie wollen, daß der Kommunismus ganz Europa dominiert. Dann hätte ihr eigenes Land ein großes Problem. Sie sollten kämpfen, Demokratie und Freiheit zu festigen, und zwar in einer Atmosphäre, die es ermöglicht, daß wir unsere Probleme ohne Gewalttätigkeit lösen." Eldridge Cleaver, Dezember 1981.

Eldridge Clever? Es braucht schon einen Moment des Nachdenkens heute. Da waren noch andere Namen, die neben dem Cleavers standen. Bobby Seale und Huey Newton, Namen, die das weiße Amerika einmal das Fürchten lehrten. Sie bildeten die Führungstroika der "Black Panther", der Protestbewegung schwarzer Jugendlicher Ende der sechziger Jahre. Eldridge Cleaver war ihr "Informationsminister", ihr "Prediger" gewesen – Variante eines Familienerbes, wie er meint, denn zwei seiner Vorväter hatten sich auf der Kanzel einen Namen gemacht.

Was hat Cleaver mit den deutschen Linken zu tun? Was tut der ehemals militante Schwarze heute? "Ich hatte starke und enge Beziehungen zur deutschen Linken, zu den revolutionären Elementen in Deutschland", sagte er. "Ich glaube, in vieler Hinsicht sind sie heute in der gleichen Lage wie wir in Amerika."

Wir bahnen uns den Weg über den zentralen Platz auf dem Campus der kalifornischen Stanford-Universität. Pausenbetrieb in der Mittagssonne: Ein Mummenschanz zur Feier eines bestandenen Examens, chaotischer Fahrradverkehr, Agitation gegen das Kernkraftwerk "Diablo Canjon", Werbung für Kurzschriftkurse, Kochen mit "natural food", Rechtsauskünfte für Minderheiten.

Die Verabredung mit Cleaver war schwierig. Der Anrufbeantworter, inzwischen ganz verstummt, antwortete nur sporadisch. "Wenn diese verdammte Rauch-Maschine einen Ton gibt, hinterlaß die Nachricht", brummte eine kratzige Stimme. Auf dem Campus pflegt er seine Post zu holen. "Ich lebe in meinen Schuhen", sagt er trocken. Aus dem Haus, in dem er bis vor kurzem noch wohnte und töpferte – zeitweise empfahl er sich auch als Designer für besonders an der Vorderfront ausgeformte Männerhosen – ist er ausgezogen und lebt jetzt bei Freunden, mal hier, mal da. Er spart. Seine Frau Kathleen hat ein Stipendium an der Yale-Universität, und da sie beide Kinder bei sich hat, braucht sie jeden Cent, den Cleaver über sein täglich Brot hinaus verdient oder nicht ausgibt. Er hält Vorträge. 300 Dollar Honorar ist die Norm. Außerdem will er Bürgermeister von Oakland werden. Doch davon später.

Zu übersehen ist er eigentlich nicht: gut 1,85 Meter groß, über einer gelben Jacke das bebrillte schwarze Gesicht, eine Mao-Mütze in die Stirn gedrückt. Doch niemand nimmt ihn wahr. Keine neugierigen Blicke der mit sich selbst beschäftigten Studenten, kein Tuscheln und auch kein Gruß von der Seite, als wir uns in der Mensa an einem Tisch niederlassen. Die Revolutionäre der sechziger Jahre müssen heute vorgestellt werden, sonst kennt sie keiner mehr. Cleaver ist immerhin inzwischen 46 Jahre alt und die Zeiten, da er mit erhobener Faust gegen Big Business verlogener Politiker und "faschistische Schweine" wetterte, wie er Polizisten summarisch nannte, liegen an die fünfzehn Jahre zurück. "Off the pig", war damals der Schlachtruf, mit dem die Schwarzen Panther in oft blutige Gemetzel mit der Polizei zogen. "Die cops in Oakland können sich natürlich nicht vorstellen, daß ich eines Tages als Bürgermeister ihr Boß sein könnte." Cleaver sagt es mit einem Anflug von Grinsen und zugleich im Tonfall nachsichtigen Verstehens. Schließlich war das ja alles sein Leben. Da ist nichts zu ändern, nichts zu bereuen. "Die Panther waren wie ein Blitzableiter, der den Feuerstrahl auf sich zog, den die Weißen auf die Gettos der Schwarzen niederprasseln ließen."