Von Klaus Viedebantt

Die Herolde auf den Zinnen setzten die Fanfaren an und bliesen einen schmetternden Salut, als die Gäste das Pile-Tor durchschritten. Bedienstete, farbenreich gewandet, wiesen stumm und würdesteif den Weg. Jenseits des doppelten Tores marschierten die hochwohlgeborenen Notabeln von Dubrövnik, allesamt gekleidet in mittelalterliche Kostüme oder Umhänge, über die Placa herbei, um den Besuchern Ehre zu erweisen und das Gastrecht zu gewähren.

Vom Wehrgang auf der Stadtmauer aus erinnerte diese wuselige Szene zwischen dem Größen Onofrio-Brunnen und der Erlöserkirche eher an eine Übergabe der Stadt an fremde Eindringlinge denn an eine Willkommensgeste. Ganz falsch war diese Assoziation wohl auch nicht, denn bei den Gästen handelte es sich um die Repräsentanten des deutschen Touristikgewerbes. Und an den Tourismus hat sich Dubrövnik wirklich mit Haut und Haaren ausgeliefert. Zum ersten Mal in der wechselvollen, aber stets auf Freiheit bedachten Stadtgeschichte scheint einer „Besetzung“ dauerhafter Erfolg beschieden zu sein, zum ersten Mal scheinen die massiven Wälle rings um die historische Altstadt nicht mehr Schutz und Trutz bieten zu können. Im Gegenteil, ihre pittoreske Wehrhaftigkeit ist sogar das Ziel der touristischen Begierde.

Die Altstadt, gewiß eine der schönsten im ganzen Mittelmeergebiet, entstand aus einer Fluchtburg auf einer kleinen Felseninsel, die nur durch einen steinwurfbreiten Meereskanal vom Festland getrennt war. Ragusa hießen die Flüchtlingssiedlung und die mächtige Republik, die aus ihr entstehen sollte. Ragusas Gründer waren Griechen aus Epidaurus, dem heutigen Cavtat, die ihre Heimat nach dem Slaweneinfall in Dalmatien verlassen mußten. Etwa um das Jahr 60’9 ließen sie sich auf dem zirka 18 Kilometer entfernten Felseninselchen nieder. Sie werden mit Beklemmung beobachtet haben, daß auf der anderen Seite des schmalen Meeresarmes auf dem Festland Slawen eine Siedlung errichteten. Den Eroberern gefiel der waldreiche Hain (auf slawisch: dubrava), von dem die Stadt ihren Namen ableitet, offenkundig sehr gut.

Wider Erwarten verstanden sich die verfeindeten Nachbarn auf das beste, merkten sie doch bald, daß ihrer beider Interesse, ein florierender Handel, gemeinsam weitaus einträglicher zu verfolgen war. Unter byzantinischer Oberhoheit riefen beide schließlich die Republik Ragusa aus, schafften sich eine stattliche Flotte an und wurden dank dieser und ihres levantinischen Geschäftsgeistes binnen kurzem zu einer der bedeutendsten Handelsmächte an der Adria.

Daß den Venezianern diese Konkurrenz wenig behagte, ist verständlich, daß sie ihre Konkurrenten mit überlegenen Kriegsmitteln aus dem Geschäft drängen wollten, war zwar nicht fein, aber historisch eine gängige Fortsetzung der Geschäftspolitik mit anderen Mitteln. Für gut anderthalb Jahrhunderte, bis 1358, zwangen die Herrscher der Lagunenstadt das kleinere Ragusa unter ihre Knute und ihre Tribute. Aber die Handelsmacht der Ragusaner konnten die Venezianer dennoch nicht ganz brechen. Im Gegenteil: Noch unter dieser Fremdherrschaft demonstrierten die Leute von Ragusa und Dubrövnik ihre Stärke und Einigkeit. Sie schütteten den sie trennenden Meeresarm zu und machten ihn zu ihrer Hauptstraße, der jetzigen Placa.

In den folgenden Jahren sollte der Mini-Staat an der Küste Dalmatiens noch manche fremde Herrschaft ertragen müssen, von den Ungarn über die Türken bis zu den napoleonischen Statthaltern und den Österreichern, die endgültig Schluß machten mit der Selbständigkeit der Republik. Dazwischen lagen aber immerhin rund 500 Jahre geschickt verteidigter Freiheit, die Dubrovniker wußten sich mit Diplomatie und Donationen immer viel Handlungsspielraum von ihren jeweiligen Oberherrschern zu verschaffen.