Von Anton Hunger

Die Stuttgarter Landesregierung macht wieder in Pragmatismus. Stellte Ex-Landesvater Hans Karl Filbinger seine Landeskinder noch unerbittlich vor die Alternative „Freiheit oder Sozialismus“, so versucht es „Cleverle“ Lothar Späth mit Seelenmassage.

„Unser Land ist Spitze“. Dieser Anspruch findet sich nicht nur während der Legislaturperiode auf millionenfach verbreitetem Hochglanzpapier, damit zog auch die CDU des Ministerpräsidenten Späth in den Wahlkampf 1980. Erfolgreich. Denn es wurde angesprochen, was ohnehin alle wußten: Dieses Land ist Spitze – wenn auch ohne großes Zutun der CDU.

So hat der deutsche Südweststaat die meisten Blasmusiker und den mitgliederstärksten Wanderverein, die meisten Bürgerinitiativen und die zahlreichsten Autobesitzer, die meisten Kläranlagen und die höchste Studentenzahl, die zahlenmäßig stärkste Handwerkerschaft und die dicksten Sparkonten, die rührigsten Häuslebauer und – immer noch – die geringste Arbeitslosigkeit.

Allerdings, die Spitzenposition auf dem Arbeitsmarkt scheint zu bröckeln. Zwar liegt die Arbeitslosenquote mit 4,8 Prozent deutlich unter der bundesdeutschen Rate von 8,1 Prozent und mit gebührendem Abstand vor dem zweitbesten Bundesland Hessen mit 6,4 Prozent. Die Arbeitslosigkeit wächst aber in Baden-Württemberg schneller als sonstwo in der Republik – mit Ausnahme von Schleswig-Holstein und Hamburg. Innerhalb eines Jahres erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen um 57 Prozent auf 182090, seit 1950 das zweithöchste Ergebnis.

Wirklich Spitze war das Land hingegen vor 15 Jahren. Im Krisenjahr 1966, als Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger zum Kanzler der großen Koalition in Bonn gewählt wurde und seinen Schreibtisch in der Stuttgarter Villa Reitzenstein für Hans Karl Filbinger räumte, waren im Südweststaat im Jahresdurchschnitt genau 6509 Menschen ohne Arbeit – ganze 0,18 Prozent. Zu den „Maßnahmen zur Sicherung der Arbeitsplätze angesichts wachsender Arbeitslosigkeit“, mit der die CDU/SPD-Bundesregierung und ihr damaliger Wirtschaftsminister Karl Schiller der bis dahin größten Nachkriegsrezession begegnen wollten, gab mindestens ein Bundesland keinen Anlaß: Baden-Württemberg.

Heute reichen der Landesregierung weniger glanzvolle Zahlen, um „Spitze“ zu sein. Denn im Vergleich mit den anderen Bundesländern schneiden die Schwaben und Alemannen – zumindest statistisch – noch allemal am besten ab. Dennoch ist man im Südwesten Deutschlands besorgt. Nicht nur wegen der überraschend stark und vor allem schnell ansteigenden Arbeitslosigkeit, auch Pleiten in Serie beklecksen Späths glorifizierende Hochglanzbroschüren. Vor allem die spektakulären Konkurse werfen die Frage auf, ob denn das Ländle tatsächlich so krisenfest ist, wie von der Landesregierung suggeriert und im allgemeinen akzeptiert wird?