Werner Roth – der Name ist frei erfunden – schaltet um kurz vor 19 Uhr sein Radio ein, ein billiges japanisches Transistorgerät. Er zieht die Teleskopantenne heraus, stellt den Wellenschalter auf die Kurzwelle, sucht auf der Stationsskala die Frequenz 3218 Kilohertz, dreht dann noch ein wenig, bis aus dem Lautsprecher ein Pausenzeichen erklingt, elektronisch erzeugte stumpfe Töne, die einen arg verstimmten Dreiklang hinaufklettern. Roth stöpselt einen Ohrhörer in den Empfänger; jetzt kann nur noch er das häßliche Gedudel vernehmen – Rücksicht auf die Nachbarn?

Der junge Mann kramt einen Taschenrechner hervor, ein vergleichsweise teures, jedoch handelsübliches Instrument made in USA, eine Art Computer im Taschenformat; mit dem Hörer im Ohr wartet Roth eine Weile. Punkt sieben verstummt das Pausenzeichen, eine Frau sagt militärisch knapp „Achtung“ und nach ein paar Sekunden fast ohne Modulation in der Stimme: „Fünnef, drei, acht, zwo, acht, Trennung, zwo, sechs“, kurze Pause, dann „sechs, neuin, eins, vier, fünnef, Trennung, zwo, sieben“ ...

Mehr als vierzig solcher Ziffernreihen leiert die Frau herunter. Roth scheint dieser erste Teil der merkwürdigen Rundfunkdarbietung nicht sonderlich zu fesseln. Offenbar sind es nur Kontrolldaten, die sich auf die letzte Sendung beziehen. Gelangweilt hört er zu, bis erneut „Achtung“ ertönt, Er schaltet seinen Taschenrechner ein. Die Stimme im Radio verliest jetzt Gruppen zu je fünf Ziffern, jede Gruppe wird wiederholt. Roth tippt die Zahlen auf der Rechnertastatur, nach jeder Gruppe drückt er eine Extrataste. Ihm ist Routine anzumerken. Ohne hinzuschauen findet er die richtigen Knöpfe. Nach einer halben Stunde sagt die Frau unvermittelt „Ende“. Werner Roth entledigt sich des „Ohrwurms“ und holt aus der linken Kragenecke seines Oberhemds ein Kragenstäbchen – jedenfalls sieht der papierdünne, schmale und etwa zigarettenlange Plastikstreifen so aus.

In Wahrheit ist das Kragenstäbchen ein Zubehör des Rechners. Der Mann steckt es in einen Schlitz an der rechten Seite des Apparats; wie von Geisterhand bewegt, wird es an der gegenüberliegenden Seite wieder herausbefördert. Noch einmal schiebt Roth den Streifen durch sein Gerät. Dann schaltet er es ab. Der Plastikstreifen hat nun wie ein Stück Tonband die zuvor eingetasteten Zahlen aufgenommen. Roth steckt das Ding jetzt in die rechte Kragenecke und lehnt sich zurück. Die nächste Sendung der mysteriösen Radiostation beginnt erst um 20 Uhr. Dreimal noch wiederholt sich das Spiel, dreimal tippt Roth fleißig mit, dann geht er rasch zu Bett, denn er muß am nächsten Tag zeitig zur Schule.

Dort leistet dem Physiklehrer Roth der mitgebrachte Taschenrechner gute Dienste. Der junge Studienrat ist beliebt. Niemand ahnt etwas von seinem Nebenjob – als Agent für einen ausländischen Geheimdienst. Die Zahlenkolonnen, die er Abend für Abend per Taschencomputer unsichtbar in die Magnetbeschichtung von Plastikstreifen schreibt, haben seine Vorgänger noch mit der Hand auf Zettel notieren müssen. Die lagen dann eine Weile herum, das war riskant. Die „Kragenstäbchen“ sind leicht zu verstecken, die magnetisch aufgezeichneten, Informationen lassen sich problemlos löschen. Außerdem liegen solche Streifen bei allen Besitzern dieser Wundermaschinen zuhauf. Roth ist so leicht nicht zu enttarnen; ein gewöhnliches Transistorradio, ein programmierbarer Taschenrechner, die dazugehörigen Programmstreifen – daran ist nichts Auffälliges.

Damit sind die Vorteile der Mikroelektronik für den Agenten keineswegs erschöpft. Er braucht keine verräterische Decodiertabelle oder Spezialmaschine mehr für die Dechiffrierung der geheimen Mitteilungen. Auch das besorgt sein Taschenrechner. Dazu benötigt er nur einen seiner Plastikstreifen und eine – nirgendwo notierte – Schlüsselzahl, seed genannt. Diesen „Samen“ tippt der Agent auf der Tastatur, sodann schiebt er den Streifen mit dem Dechiffrierprogramm durch das Gerät und danach den mit den aufgezeichneten Zahlen. Ein Knopfdruck, und im Bildfenster des Apparats erscheint der Klartext, Anweisungen vom Geheimdienst.

Nicht nur auf 3218 Kilohertz werden Zahlen für Spione verlesen, was übrigens ein Computer besorgt, der die Ziffern aus besprochenen Tonbandabschnitten zusammenstückelt, wie es die Post bei der telephonischen Zeitansage tut. Die Kurzwelle ist voll solcher Agentenstationen. Sie alle werden selbstverständlich auch von Abwehrzentralen aufgenommen. Doch obwohl sie ihre Arbeit mit Hilfe von Großcomputern verrichten, die den tragbaren Rechnern millionenfach überlegen sind, haben es die professionellen Codeknacker mit sehr harten Nüssen zu tun. Denn dank der Elektronik ist es heute möglich, Nachrichten mit einer Chiffre zu verschlüsseln, die auf einer komplizierten mathematischen Formel basiert. Davon aber gibt es zum Kummer der Abwehrleute unzählige. Und selbst wenn ihnen die Formel bekannt wäre, müßten sie nun noch den – häufig wechselnden – seed, also eine bestimmte von unendlich vielen Zahlen, kennen, um dem Klartext auf die Spur zu kommen.