Die wachsende Konkurrenz aus Südkorea beunruhigt jetzt auch Nippons Stahlkonzerne

Die spektakuläre Entwicklung unserer Stahlindustrie beruht im wesentlichen auf der groß angelegten Modernisierung ihrer Anlagen“, schrieb kürzlich der führende japanische Wertpapierhändler Nomura. Die notleidende Konkurrenz in den USA und in der Europäischen Gemeinschaft (EG) kam demgegenüber schlecht weg: Schuld daran trägt nach der Nomura-Analyse „ein Teufelskreis aus verzögerter Investition, sinkender Produktivität, Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit, ausländischem Konkurrenzdruck, Ertragsschwund und Protektionismus“. Auch die Frankfurter Allgemeine meinte, Nippons Hüttenwerke hatten „vergleichsweise gut verdient“ und „kontinuierlich investiert“.

Die bejubelte Branche selbst allerdings strahlt in letzter Zeit weniger Optimismus aus. Die japanische Stahlindustrie, die weltweit fast ein Jahrzehnt lang unangefochten die Führung hielt, fürchtet jetzt, daß sie die erste Etappe des „europäisch-amerikanischen Teufelskreislaufs“ erreicht hat und die renomierte Wirtschaftszeitung Nikon Keizai erklärte schon das Jahr 1980 zum „Geburtsjahr der Bumerang-Ära“.

Die Japaner fürchten allerdings momentan weniger die Konkurrenz der Amerikaner und Europäer. Die Herausforderung liegt näher: Südkorea hat seine Stahlindustrie mit der technischen und finanziellen Hilfe Japans modernisiert. Und auch Taiwan und Brasilien beunruhigen die japanischen Stahlkolosse. Vor einem Jahr wurde das ultramoderne integrierte Hüttenwerk von Pohang in Südkorea in Betrieb gesetzt. Nippon Steel war daran wesentlich beteiligt. Inzwischen liegt das südkoreanische Mammutstahlwerk (es produziert 8,5 Millionen Jahrestonnen Rohstahl) in Preis und Qualität so gut im Rennen, daß die fünf großen Stahlriesen ihre Rohstahlproduktion in den ersten zehn Monaten des letzten Jahres um eine Million Tonnen drosseln mußten. Zwar ist das für die fünf Giganten, die im letzten Jahr insgesamt 76,7 Millionen Tonnen Rohstahl produziert haben, keine Katastrophe. Aber für Japans Stahlmänager ist der ungewohnte Konkurrenzdruck bereits ein unheilvolles Signal.

Obwohl die Südkoreaner inzwischen den Hauptteil der japanischen Stahlimporte bestreiten, ist ihr Marktanteil in Japan mit zwei Prozent sehr gering. Trotzdem sind sie gefürchtet. ‚Die Billigpreisimporte nehmen uns die Kontrolle über die Inlandspreise“, bekennt man freimütig sei Nippon Kokan, Japans zweitgrößtem Stahlkonzern. Bisher habe Pohang-Stahl nur Abnehmer auf dem engen, nicht durch Lieferverträge gebundenen Spot-Markt gefunden. Aber der Preisdruck auf den gesamten inländischen Stahlmarkt sei nur eine Frage der Zeit. Über die Wirkung fallender Inlandspreise und kleinerer Gewinnmargen machen sich Japans Stahlriesen nichts vor. Ihre eigenen Markterfolge in den USA und der EG zeigen deutlich, daß die Preiskonkurrenz die Investitionstätigkeit lähmt, die Wettbewerbsposition gefährdet und eventuell zu dirigistischen Markteingriffen führen kann.

So weit will es Nippons erfolgverwöhnte Stahlbranche nicht erst kommen lassen. Als Südkorea in Japan um Hilfe bei der Errichtung von Röhrenwerken nachsuchte, war die Antwort des Röhrenherstellers Sumitomo Metal eindeutig: „Unsere Kapazitäten für den Bau von Röhrenwerken sind ausgebucht.“ Nippon Kokan belehrte die südkoreanischen Stahlmanager: „Korea muß sorgfältig prüfen, ob geplante Anlagen auch dem Bedarf entsprechen.“ Solche Zurückhaltung ist aus japanischem Munde ein Novum. Sie gilt wohl nur für Konkurrenzländer.

Neben gebremstem Know-how-Transfer in die Dritte Welt kämpft Nippons Stahlindustrie auch mit gigantischen Modernisierungsplänen gegen die unerwünschte Konkurrenz. „In der Periode rapiden Wachstums haben wir ein hohes Investitionsvolumen verzeichnet, aber unsere Produktionsanlagen beginnen zu altern. In fünf oder zehn Jahren kann unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft gefährdet sein“, schreibt der japanische Verband der Eisen- und Stahlindustrie. „Wir müssen darauf achten, daß es uns nicht wie den USA ergeht.“