Wie leicht wir doch zu narren sind. Wochenlang war Neutraubling im Niederbayerischen der Mittelpunkt der Welt. Aus allen Teilen der Republik, ja, aus dem Ausland gar waren Zeitungsreporter angereist, hatten Fernsehteams hier ihr Quartier aufgeschlagen. Brennpunkt des internationalen Interesses war der Bungalow des 60jährigen Zahnarztes Kurt Bachseitz. Aus den Tiefen diverser Abfluß-Installationen, aus Klo, Waschbecken und aus dem Spucknapf am Marterstuhl in der Praxis schleuderte Chopper, der Hausgeist, dem Doktor, seiner Frau und seinen Patienten freche Sprüche entgegen.

Aus Freiburg hatte sich der Spukologie-Professor Hans Bender samt Assistent vor Ort begeben. Nach eingehendem Studium der merkwürdigen Vorgänge befand er sachverständig: Einerseits sei das Szenario durchaus charakteristisch. Poltergeist-Phänomene nämlich treten, das hat Bender in vielen gelehrten Publikationen kundgetan, in der Regel dort auf, wo sich ein von den Plagen der Pubertät gereizter junger Mensch inmitten einer bieder-bürgerlichen Umwelt wohlzuverhalten hat. Das paßte auf die 16jährige Zahnarzthelferin Claudia, zumal ihr Chopper von Herzen zugetan schien. Andererseits aber sei das Verhalten des Gespenstes „total untypisch“.

Mit diesem wenig präzisen Gutachten fühlten sich die Verfechter der extrasensorischen Theorie allein gelassen. Desto mehr bestärkte es die Skeptiker, die hinter dem Spuk einen Trick wähnten. Einige waren der Meinung, Claudia, beherrschte die Kunst des Bauchredens. Das kam mir abwegig vor, wiewohl ich von Ventriloquistik nicht viel verstehe. Übereinstimmend hatten alle Ohrenzeugen berichtet, Choppers Stimme habe einen blechernen Klang. Blechern aber kann ich mir keinen Laut vorstellen, den ein zartes Mädchen von sich gibt – gleich wo.

Nachdem Ingenieure von Post und Polizei vergeblich nach versteckten Apparaten im Bachseitzschen Haus gefahndet hatten, war es für Funk und Presse ausgemacht: Chopper ist ein technisches Genie. Nun fühlten sich die Bastler der Nation aufgerufen, den Trick herauszufinden. Das Genie, so die fast einhellige Meinung der Tüftler, benutze eine besondere Lautsprecherkonstruktion, der das Abflußröhrennetz im Bungalow quasi als Resonanzkörper diene.

Vorigen Freitag brachen alle Theorien jäh zusammen. Im Fernsehen erklärte der mit dem Chopper-Fall betraute Staatsanwalt, lange Verhöre hätten die Wahrheit ans Licht gebracht. Enttäuschend nüchtern war sie. Jemand – wer, wurde noch nicht verraten – hatte Choppers Worte in unbeobachteten Augenblicken, in die hohle Hand gesprochen. Der Beamte stand nicht an, dies am Bildschirm zu demonstrieren – eher kümmerlich denn überzeugend, woraus erhellt, daß, wenn auch nicht Genie, so doch ein wenig Übung dazu gehört, den Chopper zu machen.

Vor Jahresfrist hatte ich an dieser Stelle ein Klagelied angestimmt, weil der Schabernack in Vergessenheit geraten ist. Jetzt ist uns allen ein saftiger Streich gespielt worden. Sollten wir nun nicht jubilieren?

An der Idee gibt es nichts zu mäkeln. Aber mit Streichen ist es wie mit Witzen. Nur wohl dosiert sind sie lustig. Der Chopper-Spuk war viel zu lange ausgedehnt, und als ganz und gar stillos ist zu verurteilen, daß der Streichspieler selbst nach dem Kadi gerufen hat. Soviel Bemühen um Beachtung verdirbt jeden Spaß und nährt den Verdacht, dem Urheber des Ganzen könne der Sinn mehr nach Belebung des Geschäfts als nach einem Schabernack gestanden haben. Thomas v. Randow