In Köln müßte das (Gerade-noch-)"Lustspiel" von 1807 "Amphitryon", das Kleist ebensogut nach der (Fast-schon-)-Tragödien-Gestalt im Mittelpunkt "Alkmene" hätte nennen können, "Sosias" heißen: Von seinem ersten Auftritt an rückt Wolf-Dietrich Sprenger dem Sosias, Diener des thebanischen Feldherrn Amphitryon, ins Zentrum der immer weniger zur Tragödie als zur Posse neigenden "Lustspiel"-Inszenierung von Jürgen Flimm.

Bis zur Pause ist man geneigt, ein Telegramm aufzusetzen an Herrn Thomas Mann, Elysium. Bei der Kleist-Feier 1927 in München hat der Romancier, dem die mythische Ehebruchs-Fabel vom Gott, der seiner Geliebten in Gestalt des Ehemannes naht, wie die Nacherzählung einer eigenen Geschichte klingen mußte, einen Vortrag gehalten über "Kleists ,Amphitryon’ – Eine Wiedereroberung", den er mit den Worten schloß: "Mit Festen haben Amphitryon’-Aufführungen nichts weiter gemein als die Seltenheit... Ein junger Spielleiter von Kopf und Herz, von sinnlichster Geistigkeit, sollte die hohe Einmaligkeit frisch durchfühlen und durchdenken... und sie... darstellen durch Schauspieler... mit den erfreulichsten körperlichen Gaben... Man soll es mich wissen lassen, wenn eine solche Aufführung im Werke ist. Ich reise weit, um sie zu sehen."

In den ersten Bildern gelingt Jürgen Flimm eine traumhafte Balance zwischen polternden Auftritten und Liebesszenen, die auf weißer, leerer Bühne wie Stilleben erscheinen. Je ernster, je gefährlicher Kleist sein "Lustspiel" in die Nähe eines tragischen Konfliktes rückt, mit Liebesqual und Verhör-Folter, desto harmloser wird die Kölner Inszenierung. Zwar erreicht die Aufführung immer wieder den Punkt, an dem gefällige, manchmal virtuose Darstellung umschlagen könnte in ein grausames, bedrohliches Spiel von Liebesverlust, von Selbstverlust, doch wagt sie nicht den letzten Schritt in jene Radikalität, die Kleists Menschen sich selber fremd und zum Rätsel werden läßt. Daß bei Kleist "die Seele denkt", "die Blicke um sich beißen" – der noch die Bildersprache verheerende Wahnsinn, der über Kleists Figuren kommt, greift nicht über auf die Spieler, also auch nicht auf die Zuschauer.

Dabei erfindet Flimm schöne Zeichen einer gestischen Sprache. Die oft wie auf manieristischen Bildern verdrehten Köpfe, gewundenen Körper, mit denen Jupiter und Alkmene, gleich darauf Alkmene und Amphitryon, einander suchen und begegnen, sind Ausdruck auch des gegenseitigen Belauerns in diesem Spiel ständigen Ausfragens.

"Was das für Fragen sind!" – empört sich Alkmene, läßt sich dann aber doch herbei, dem sie verhörenden Amphitryon zu erzählen, was sie am Abend zuvor – wie sie glaubt: mit ihm – erlebt hat: "Als du mich heimlich auf den Nacken küßtest..." Amphitryon kommt da nicht drüber weg, er stammelt, wieder im Frageton: "Daß ich dir scherzend auf den Nacken –" und verstummt vollends bei diesem, Nacktheit beschwörenden Wort.

Flimm, der Kleists Blankverse genau liest und mit Gespür für die jähen Pausen, überraschenden Verzögerungen sprechen läßt, macht aus dem Nackenkuß eine Chiffre des Wiedererkennens. In der großen Befragungsszene des zweiten Aktes, in der Jupiter Alkmene mit immer neuen "Wenn"-Sätzen quält und sich in eine Orgie aus Konjunktiven stürzt ("Wenn ich nun dieser Gott dir war..., wenn sich Amphitryon jetzt zeigte"), läßt Flimm den Darsteller des Jupiter sich über die am Boden liegende Alkmene beugen. Er streicht ihr die langen Haare aus dem Nacken, kauert sich neben sie, preßt den Mund auf ihren Hals. Das ist ein Bild nicht nur der Zärtlichkeit, sondern auch – und damit entspricht die Geste der doppelten Bedeutung, die Kleist seinen Worten von "Liebe" gibt – der Unterwerfung, wie man sie von Tieren kennt, wo der Biß in den Nacken Rangunterschiede deutlich macht. ("Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen", läßt Kleist seine Penthesilea sagen, nachdem sie ihren Geliebten"totgeküßt" hat.)

Rolf Glittenberg hat wieder einen seiner hellen, kühlen Bühnen-Räume gebaut. Wie ein riesiges Sonnen-Segel istlein weißer, durchsichtiger Vorhang vom oberen Bühnenrahmen vorn in den Hintergrund der Szene gespannt. Wo das Tuch den Boden berührt, ist eine lukenartige Öffnung ausgeschnitten. Dahinter erhebt sich, schwarz, eine kleine Pyramide, eine Art Heiligtum, das nur Jupiter und Alkmene (und Jupiters Reisemarschall Merkur, "der fußgeflügelte der Götter") betreten dürfen. Zwei Bogenlampen mit Neonröhren werfen ein unwirklich fahles Licht durch den Schleiervorhang auch auf die Hauptspielfläche, auf deren weißen Schaumstoffboden blauschwarzes Konfetti gestreut ist.