Von Beruf Tafeldecker

Von Beruf Tafeldecker

West-Berlin

Er besitzt zwei Fräcke, vier Smokings und zwanzig schwarze Anzüge – alles vom Besten. Obwohl Äußerliches eine große Rolle in seinem Leben spielt, besteht seine Hauptaufgabe darin, durch Unauffälligkeiten zu glänzen. Hoch und schlank gewachsen, macht er auch noch im achtundsechzigsten Lebensjahr eine gute Figur: Walter Minuth, der einzige noch selbständige Tafeldecker in Berlin. In dieser Tätigkeit hat er es zu lokalem Ruhm gebracht; denn er verbürgt mit seinen Arrangements den Herrschaften, die ihn engagieren, gelungene Veranstaltungen. Aller Vorbereitungssorgen ledig, können sich Hausfrauen und Hausherren als ihre eigenen Gäste fühlen.

Wie verabredet, pünktlich auf die Minute, erscheint Walter Minuth zu unserem Gespräch. Die Terminplanung mit ihm war nicht ganz einfach: Einmal kam der Präsident von Malawi dazwischen, das andere Malhatte er die Maler in der Wohnung. „Sie wissen, wie das ist, gnädige Frau.“ Ich weiß es – deshalb findet unser Rendezvous bei mir statt.

Auch vormittags um elf Uhr ist Walter Minuth wie aus dem Ei gepellt: heller Trenchcoat aus Wildleder, darunter kommt ein dunkler, makellos sitzender Anzug zum Vorschein, passend dazu die feine weiß getüpfelte Krawatte auf weißem Hemd. Über dem Hosenbund eine schwere goldene Uhrkette. Sein schwarzes elegantes Aktenköfferchen läßt keinen Zweifel: Hier ist einer immer im Dienst. Er müsse nachher noch einmal nach dem Rechten sehen, es laufe gerade ein Empfang bei einer öffentlichen Institution, der aber vorerst dem Personal überlassen werden könne. Anlaß zur Sorge? Nein. Die Leute seien gut geschult.

Walter Minuth ist geborener Berliner. Die Eltern stammen aus Ostpreußen und Schlesien, eine Mischung, die einst den typischen Berliner ausmachte. Ein alter Preuße, dem dienen und bedienen, mit Selbstbewußtsein allerdings, noch immer eine Ehre ist. Eine Spezies, die ausstirbt. Unauffällig, leise und maßvoll hegt Walter Minuth Leidenschaft für das „Schöne im Leben“. Für den Privatmann richtet sie sich in erster Linie auf englische Ölbilder und wertvolle Teppiche. Maler wäre er gern geworden, aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Seine Stilleben entwirft er nicht auf der Leinwand, sondern auf der Tafel.