ZDF, Donnerstag, 18. März, 22.05 Uhr: „Praktisch bildbar“, Dokumentarfilm von Digne Meller Marcovicz

Die Deutschen sind ein reisewütiges Volk. Nichts, scheint es, nicht einmal eine Wirtschaftskrise, kann sie von ihrem Fernweh heilen. Die Deutschen lieben das Fremde – in der Fremde. Zu Hause aber macht es ihnen angst.

Kemal, zwölf Jahre alt, Türke, lebt in Frankfurt am Main. Er ist das „Sorgenkind“ seiner großen Familie. „Kemal“, sagt sein Vater, „wird nie wirklich etwas lernen. Nie.“ Weil Kemal des Lesens und Schreibens kaum mächtig ist, hat man ihn abgeschoben in eine Sonderschule für „praktisch Bildbare“ – für Schwachsinnige, würde der Volksmund rüder und aufrichtiger dazu sagen.

Aber seltsam: Kemal, aus der Gesellschaft der Tüchtigen ausgestoßen, ist von einer unbegreiflichen, unerschütterbaren Freundlichkeit zu allen. Und es gefällt ihm in Deutschland. „Findest du es schön hier?“ fragt man ihn. „Ja.“ „Warum?“ „Weil ich es hier schön finde.“

Digne Meller Marcovicz’ Dokumentarfilm, der Kemals Geschichte erzählt, ist eine eindringliche Dokumentation und manchmal mehr: ein großer Film. Vor allem der Anfang ist von einer verwirrenden Merkwürdigkeit: Aus den bekannten Frankfurt-Bildern (das Westend, die Wolkenkratzer, die Polizisten, die Demonstranten) und den unbekannten Frankfurt-Bildern (die Höfe, Schuppen, das verwilderte Grün, in dem die Türkenkinder spielen), aus dem Lärm der Feuerwehren, der Jubelmusik eines Oratoriums und den fernen türkischen Klängen entsteht ein Frankfurt-Porträt, Frankfurt-Fragment aus tausendundeinem Tag.

Keine fürsorglich-pädagogische Kommentatorenstimme meldet sich aus dem Off und bringt analysierend Ordnung in die Geschichte. Die Hochhäuser der Großbanken sehen aus wie Ruinen, die spielenden fremden Kinder wie Überlebende: Während Babylons Türme verfallen, wächst zu ihren Füssen der Dschungel.

Ganz freilich hält der Film diesen Anfangsmut nicht durch – was wie ein Kino-Stück von Alexander Kluge beginnt, kehrt dann doch ästhetisch und dramaturgisch heim ins Vertraute. Wenn Digne Meiler Marcovicz Kemals Lehrerinnen interviewt, wenn Kemals Mutter von einer nächtlichen Polizeirazzia berichtet, wenn die Kamera kritisch an Wahlplakaten entlangfährt (der grinsende Strauß, der wissende Stoltenberg), wird aus dem Wolfsjungen von Frankfurt allmählich der bekannte Problem- und Sozialfall. Der Film erinnert dann ein wenig an die vorbildlich-aufklärerischen Features vom Kirchenfunk, Samstagnachmittag, vor der Sportschau.