Zum erstenmal konnte sich Jessica auf die eigenen Beine stellen, als sie zweieinhalb war. Das Mädchen ist cerebralgeschädigt – nach der Geburt litt ihr Gehirn kurzzeitig unter Sauerstoffmangel. Doch intensive Bemühungen im evangelischen Kindergarten im Hamburger Stadtteil Wandsbek stärkten ihr Selbstbewußtsein und ihre Körperbeherrschung. Jessica wuchs dort in einer Gruppe mit behinderten und gesunden Kindern auf. Jetzt ist sie sechs Jahre alt und soll eingeschult werden.

Die 12 Eltern aus dem Kindergarten der Wandsbeker Christuskirche wollen in der Grundschule das fortsetzen, was ihre Kinder bereits kennen: zusammen lernen und spielen.

Die Hamburger Schulbehörde ist anderer Meinung. Denn „die Lernziele der Grundschule könnten nicht erreicht werden“, schreibt Oberschulrat Rainer Schindler in einem Brief an Mechthild Bremer, Mutter eines der behinderten Kinder. Er versucht, die gewünschte Schulklasse, in der ein mongoloides, ein leicht körperbehindertes und ein leicht geistigbehindertes Kind zusammen mit gesunden Kindern unterrichtet würden, zu verhindern.

Die Hamburger Schulbehörde hält, wie auch Oberschulrat Jürgen von Meile sagt, solche Integrationsklassen für „ungesicherte Reformschritte, deren Auswirkungen zur Zeit nicht übersehen werden können“.

15 Kinder, drei davon behindert, sollten in einer Klasse von einem Lehrer und einer pädagogischen Hilfskraft unterrichtet werden. Das ist der Wunsch der Hamburger Elterngruppe. Klaus Heinike, Vater einer mongoloiden Tochter, sagt, was viele Eltern behinderter Kinder denken: „Ich will selbst entscheiden, wo unsere Kathrin zur Schule geht. Vor allem will ich verhindern, daß sie im Getto einer Sonderschule aufwächst.“

Im April vergangenen Jahres haben die Eltern den Antrag auf eine Integrationsklasse in der Grundschule Schimmelmannstraße in Hamburg-Wandsbek gestellt. Anfang November ist er von Oberschulrat Schindler schriftlich, aus pädagogischen und finanziellen Gründen, abgelehnt worden.

In der Januarausgabe 1982 der Informationen, dem Mitteilungsblatt der Schulbehörde, stellte Jürgen von Melle in einem mehrseitigen Bericht fest, daß eine Integration schon dann gelungen sei, „wenn das Kind in Teilbereichen fortschreite“ Joachim Werte