Der systematische Genozid an Armeniern und Juden / Von Hermann Glaser

Es gibt Bücher, die sind – wie Franz Kafka es formulierte – die Axt für das gefrorene Meer in uns; zu ihnen gehört Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, mit dem der Dichter das „unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehen zu entreißen“ suchte. Dichterische Gestaltungskraft kann selbst furchtbarsten Vorkommnissen noch einen Sinn geben: bei Werfel wird ein kleiner Teil der von den Türken verfolgten Armenier nach heldenhaftem Widerstand in letzter Minute gerettet – Allegorie des Exodus. Und es gibt Bücher, die lassen in uns alles erstarren; da bleibt kaum Hoffnung; Tatsachen statt Apotheose – der Glaube an den menschlichen Menschen erstirbt.

Über den ersten systematischen Genozid dieses Jahrhunderts berichtet:

Yves Ternon: „Tabu Armenien. Geschichte eines Völkermords“; Ullstein Verlag, Berlin-Frankfurt/M. 1981; 284 S., geb., 38,– DM.

Der Verfasser, der sich in anderen Arbeiten mit den Verbrechen deutscher Ärzte während der NS-Zeit beschäftigt hat (er ist selber Arzt), hat minuziös alle wichtigen Quellen und Materialien über die Vernichtung des armenischen Volkes zusammengetragen und umfassend dargestellt – bestimmt von dem Wunsch, „daß dieses Buch einen Beitrag zur Versöhnung der beiden Völker leisten möge“.

Ein Volk wird geopfert

Nur: Das Volk der Armenier gibt es in der Türkei nicht, mehr. Politische Massenmörder kalkulieren richtig: ist die Vernichtung von Menschen einigermaßen perfekt, wächst darüber rasch Gras; kaum jemand spricht mehr davon. „Grausame, aber notwendige Opferung eines Volkes – dieser Parole folgt man auch heute noch. Von Biafra bis Indonesien, von Ruanda-Burundi bis zum Sudan, von Vietnam bis Bangla Desh gehen die Opfer von Haß und Überlegenheitswahn in die Millionen. Zu ihnen kommen noch die Opfer von Genoziden aus wirtschaftlichen Gründen, wie zum Beispiel in Brasilien.“ Ein solcher Satz ist seit 1977, dem Erscheinen des Buches in Frankreich, schon wieder fortzuschreiben – etwa indem man Kambodscha oder El Salvador hinzufügt. Politische Räson läßt, wenn es opportun ist, „Menschenopfer unerhört“.