Von Rolf Schneider

Der Südtiroler Lyriker Norbert Conrad Kaser würde, 1947 geboren, vermutlich heute noch als ein junger Dichter gelten, aber er ist nun schon mehr als drei Jahre tot, und so zählt sein Fall zu den auch nicht raren Beispielen der Literaturgeschichte, da ein im Leben unentwegt darbendes Talent erst postum zu Anerkennung und Prominenz gelangte. Für Kaser hatten sich 1979 ein paar Tiroler Freunde daran gemacht, die verstreuten poetischen Zeugnisse ihres bis dahin weitgehend anonymen Schützlings zu sammeln und, da sich von den etablierten Verlagen keiner dazu hergeben mochte, den so entstandenen Band bei einem bis dahin in belletristischen Dingen gänzlich unerfahrenen Galerie-Verlag in Innsbruck publizieren zu lassen. Das Unternehmen wurde zu einem in Anbetracht der Umstände überraschenden Erfolg. Käsers „Eingeklemmt“ verkaufte sich an die dreitausendmal. Gekräftigt durch solche Umsatzzahlen, fand der tote Dichter mittlerweile einen eingeführten belletristischen Kleinverlag, wo seine Freunde soeben einen zweiten Band herausgebracht haben –

Norbert C. Kaser: „Kalt in mir – Ein Lebensroman in Briefen“, herausgegeben von Hans Haider; Hannibal-Verlag, Wien, 1981; 193 S., 22,– DM.

Von den erwähnten Kaser-Freunden die bekanntesten sind der in Innsbruck lebende Zeichner Paul Flora und der österreichische Feuilleton-Redakteur Hans Haider, der wie den ersten Band nun auch diesen editorisch verantwortet; er enthält, unter anderem, Briefe Käsers an Haider wie an Flora. Briefe stellen den Hauptanteil des Buches, neben ein paar Zeitungsartikeln und Rede-Skripten, und sie alle miteinander dokumentieren die traurige Geschichte eines Talents, das sich selber zerstören mußte, da eine massive intransigente Umwelt es zerstören wollte. Das Arme-Leute-Kind Kaser aus Bruneck, in dessen Familie der Alkoholismus erblich war, unternahm die verschiedensten Versuche, sich zu emanzipieren, intellektuell und sozial. Er war Novize in einem Kloster und am Ende ein eingeschriebenes Mitglied der italienischen Kommunistischen Partei; er war Kunststudent, Sozialarbeiter, Filmstatist, Lehrer. Gesellschaftliche und nationale Syndrome verwirren sich bei ihm bis zur völligen Unkenntlichkeit: als Angehöriger einer ethnischen Minorität (die gleichwohl wirtschaftlich mächtiger und sozial arroganter war und ist als die sie umgebende anderartige Mehrheit), als innerhalb dieser Minorität gesellschaftlich völlig Deklassierter taumelte er von einem Fluchtversuch zum nächsten: Ortswechsel, poetische Evokationen, Betäubungen durch den Rausch. Er war ein außerordentliches literarisches Talent. Als man in Österreich eben anfing, ihn in Anthologien zu drucken und ihn zu öffentlichen Lesungen zu laden, war er bereits unheilbar krank.

Dies alles läßt sich in den von Hans Haider kompilierten Prosastücken noch einmal unverstellt nachlesen, nachdem „Eingeklemmt“ das poetische Biogramm geliefert hatte. Das häufigste Wort in diesem Buch lautet „muede“. „auf & nieder“, heißt es in einem der letzten Briefe, „geht meine Stimmung, immer unglaeubiger werde ich fast schon scheu, ich muß mir einen vogel oder einen hund anschaffen um nicht allein zu sein, hier in bruneck sterben die interessantesten leute wie die fliegen dahin & unsere jahrgaenge stehen jetzt in vorderster front, wir sind ueberhaupt eine recht eingeklemmte generation. rueckwaerts geht es nimmer & vor dem vorwaerts graut uns.“

Vier Wochen nach diesem Brief war Norbert C. Kaser tot.