Was Wunder, daß man sich immerzu an den alten Sisyphos erinnert fühlt: Ein altes Haus ist gerettet, drei andere verfallen weiter. Beinahe aber doch ein Wunder: daß die drei Städte Bamberg, Lübeck und Regensburg, jede, ein historisches Gesamtkunstwerk und voll von Baudenkmalen, trotzdem nicht resignieren. Sie versuchen statt dessen, das Beste draus zu machen, zum Beispiel die Umstände zu verbessern, unter denen die Erhaltung vonstatten geht. Als sie sich vor neun Jahren, noch fernab von solchen Geld lockernden und Bewußtsein schürenden Veranstaltungen wie dem Europäischen Denkmalschutzjahr zusammentaten und eine Arbeits- und Erfahrungsgemeinschaft gründeten, lamentierten sie zwar nach Kräften und beschworen herzbewegend die Milliarden, die ihre gründliche Erneuerung eigentlich koste. Aber sie blieben realistisch genug, gleich an den ärgerlichen Behinderungen zu rütteln, an den Paragraphen. Da die meisten Sanierungsvorschriften in Gedanken an Neubau und Wiederaufbau formuliert worden waren und deswegen die erhaltende Erneuerung von Altstädten hintertrieben, bestanden sie auf Änderung.

Sie wurde beherzigt. So erklärt sich, daß der hundert Seiten lange Rapport, der soeben über ihre neunjährige Zusammenarbeit veröffentlicht wurde, sich nicht in immer neuem Wehklagen gefällt, sondern von Hoffnung durchsetzt ist. Zwar dröhnen einem nicht die Ohren vor lauter Erfolgsmeldungen; man wird aber auch nicht von Frustration überfallen – nicht einmal bei der Einsicht, die am Schluß der Studie zu lesen ist, daß die Erneuerung der drei weltberühmten Altstädte eine „weit in das kommende Jahrhundert reichende Aufgabe“ sei.

Sisyphos könnte sogar erlöst werden, wenn – wieder zitiert aus dem Bericht – unsere Gesellschaft gewillt wäre, das immer weniger werdende öffentliche Geld da zu konzentrieren, „wo wertvolle Bausubstanz in überproportionalem Anteil vorhanden ist“, also zum Beispiel hier.

In jeder dieser Altstädte gibt es 550 bis 1300 Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen. In den immer noch in alter Geschlossenheit erhaltenen Zentren wohnen jeweils bis zu 18 000, arbeiten bis zu 30 000 Menschen, gibt es viele öffentliche Einrichtungen. Ständig aber droht Blutleere durch den Auszug von Bewohnern, die es in langweilige, aber komfortablere Wohnungen am Stadtrand lockt, und den Zuzug von Büros, die sich auf die attraktive Altstadt-Adresse stürzen: das übliche Übel. So fürchten alle drei Städte, zu „Traditionsinseln“ zu verkommen oder zu „Museen“, die dann nur noch von bildungs- oder vergangenheitsseligen Touristen besucht und verfremdet werden. Das Hauptproblem heißt: „Nutzungskonflikt“; es ist der, der sich zwischen Denkmal und modern~~ eben ergibt.

Der Rapport führt es vor. Er zeigt auf einem halben Hundert Seiten so mannigfaltige wie ermutigende, so virtuose wie komisch übertriebene Beispiele für die „unterschiedlichen Wege zum gemeinsamen Ziel“, konkret: Häuser, die durch die Erneuerung erhalten und dabei nicht entstellt oder zerstört wurden. Das Bewußtsein, mit der alten Stadt mehr als nur eine Menge alter Häuser zu verlieret, ist mittlerweile so geschärft, daß nicht mehr nur Staat oder Stadt zu Sanierungen bereit sind, sondern immer mehr (finanziell unterstützte) Privatleute. Und es werden beileibe nicht nur Häuser in Schuß gebracht, sondern Stadtquartiere insgesamt verbessert: wohnlicher gemacht.

Es ist interessant, daß keine der drei Städte sich noch erkühnen könnte (oder wollte), alles das ohne ihre Bewohner zu veranstalten. Es gibt – in Lübeck und in Regensburg mehr als in Bamberg – ebenso wachsame und kritische wie temperamentvolle und kenntnisreiche Bürgerinitiativen, unbequeme Experten von höchstem Verdienst.

Gibt es also am Ende nur blanke Zuversicht? Der Dämpfer kommt, wen wundert’s, aus den Ämtern. „Der Vollzug“, liest man, werde „durch bürokratische Verfahrensabläufe und Reglementierungen immer schwieriger.“ Manfred Sack