Von Wolfgang Boller

Hoch in der Felsenwand klafft schon das rettende Loch, das Bad Bertrich mit einem Schlag all seiner Sorgen enthebt. Zwanzig Jahre wurde geredet, verhandelt, gebettelt, vertagt. Und es war von Anbeginn klar, daß es nur die eine, radikale, sünd teure Lösung gab: eine Umgehungsstraße durch die Bergflanke des Üßbachtals.

Die Häuser liegen in der grünen Tiefe wie aufgereiht an den Schleifen des Bächleins. Die Wälder steigen auf beiden Seiten zu den Hausgärtchen und Hinterhöfen hinab. Der Struwwelpeter-Hoffmann aus Frankfurt hat es so beschrieben: „Es ist ein köstlicher Winkel, ein Miniaturbad; man fürchtet morgens beim Erwachen, an die Bergwände anzustoßen oder daß einer die ganze Geschichte in eine Schachtel packen und heimtragen werde...“

Daran hat sich in 100 Jahren nur der Verkehr geändert, der sich auf der kürzesten Verbindung vom Nürburgring nach Zell an der Mosel durch den Engpaß zwängt. Die Landstraße 103 wurde zum Fluch des köstlichen Winkels, wie es in diesem Ausmaß in keinem vergleichbaren westdeutschen Kurort geschahen ist.

Seit fast zehn Jahren führt Kurdirektor Otto den Kampf gegen die absehbare Vernichtung der Idylle. Friedrich Otto: „Ganz Bertrich ist ein Sanatorium.“ Tatsächlich gibt es in der winzigen Eifelgemeinde mit 800 Einwohnern (plus abermals 600 im zugehörigen Dorf Kennfus) 2450 Fremdenbetten, davon annähernd die Hälfte in Häusern unmittelbar an der Durchgangsstraße, die im Ort Kurfürstenstraße heißt. Das intime, in sich abgegrenzte Kurzentrum mit seinen wunderschönen klassizistischen Fassaden ist so nahe, daß ein im Stau steckender Lastwagenfahrer dem nächsten Kurgast das Brunnenglas aus der Hand nehmen könnte.

Ironie des Schicksals: Das versteckte Bad Bertrich ist eigentlich die Schlafstube des Fremdenverkehrs an der mittleren Mosel. „An der Mosel kann man feiern, aber nicht schlafen“, sagt der Kurdirektor. Der zuständige Bahnhof in Bullay ist zwölf Kilometer entfernt, die Winzergemeinden zwischen Beilstein und Bernkastel liegen im Umkreis von knapp 20 Kilometern. Die reizvolle Nachbarschaft von Weinfesten und Wäldern erklärt den hohen Anteil von Urlaubern in der Gästestatistik des Heilbads. 1980 suchten 13 500 Patienten Heilung und 17 000 Feriengäste Erholung. Diese verweilten im Durchschnitt etwa eine Woche, jene 21 Tage (Summe der Übernachtungen: 380 000).

Bad Bertrichs Vertragsgäste (rund die Hälfte) widerstehen im eigenen Interesse den Verlockungen der Mosel wie auch der nur vier lokalen Weinstuben. Die Bettruhe in den Sanatorien ist noch vor der Polizeistunde anberaumt, und ein Hauch von Alkohol führte zur sofortigen Vertreibung aus dem Paradies der Rehabilitation. So suchen sie denn, unbeirrt Brunnen schlürfend, standhaft das Heil von den Leiden des Stoffwechsels. Die legendären Heilkräfte von Deutschlands einziger Glaubersalztherme bei Krankheiten des Magens, Darms, der Galle und der Leber sind seit Römerzeiten erprobt und haben sich in zeitgenössischen statistischen Erhebungen bestätigt.