Von Andrezej Micewski

Aus vielen westlichen Ländern und vor allem aus der Bundesrepublik Deutschland gelangt in Form von Spenden und Lebensmittelpäckchen bedeutende Hilfe nach Polen. Dieses Phänomen zieht so weite Kreise, daß man von einem sehr sympathischen Entwicklungstrend in der Einstellung der deutschen Gesellschaft gegenüber Polen sprechen kann; In Polen wird die Hilfe in Form von Lebensmittelpäckchen sehr hoch eingeschätzt. Auch die katholische Kirche hat dem im Kommuniqué zur jüngsten, Sitzung der Bischofskonferenz Ausdruck verliehen. Und der Mann auf der Straße weiß sehr gut – auch wenn er selbst kein Päckchen erhalten hat –, wie sehr diese Lebensmittelpäckchen in der Zeit der schweren Wirtschaftskrise vielen seiner Mitbürger helfen.

Die Anerkennung unserer Gesellschaft für die Päckchenaktion ist also allgemein. Die polnische Gesellschaft wird dies auch in Zukunft nicht vergessen. Eine ältere Dame aus der Bundesrepublik Deutschland, die mir ein Päckchen geschickt hatte, schrieb, sie tue dies deshalb, weil sie sich daran erinnert habe, wie ihr selbst im Jahre 1946 unter den schwierigen Verhältnissen unmittelbar nach dem Krieg eine kanadische Familie geholfen habe. So tragen gute Taten auch nach Jahren noch Früchte. Ich bin überzeugt, daß es bei der Hilfe vieler Bürger der Bundesrepublik Deutschland für Polen genauso sein wird.

Polen ist jedoch ein Land mit 36 Millionen Einwohnern. Man darf sich keinen Illusionen hingeben, daß auch die allergrößte Opferbereitschaft des Auslandes in der Lage wäre, die Existenzprobleme unserer Gesellschaft zu lösen. Hier sind unsere eigene Arbeit und ein normaler Wirtschaftsaustausch zwischen Polen und seinen bisherigen Partnern vonnöten. Im Rahmen des Ostblocks nimmt dieser Austausch stark zu, während er dagegen im Verhältnis zu einigen westlichen Ländern durch die sogenannten Wirtschaftssanktionen beschränkt oder gebremst wurde. Die Praxis beweist, daß Sanktionen dadurch, daß sie den normalen Arbeitsrhythmus unserer Industrie stören, nicht nur die Regierung treffen, sondern auch gegen die lebenswichtigen Bedürfnisse der Gesellschaft gerichtet sind.

Als Vertreter der katholischen Laien in Polen hatte ich unlängst die Gelegenheit, über dieses Thema mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Herbert Wehner, während seines Besuches in Warschau zu sprechen. Ich muß feststellen, daß ich die entschiedene Haltung Wehners, der sich den sogenannten Wirtschaftssanktionen gegen Polen widersetzt, voll teile. Mit dieser Ansicht stehe ich im übrigen nicht allein da. Der polnischen und der westlichen öffentlichen Meinung sind die Äußerungen des Papstes Johannes Paul II gegen die Sanktionen wohl bekannt, ebenso wie die Erklärung der größten Autorität in meinem Lande – nämlich des polnischen Episkopats – zu diesem Thema. Sowohl die Haltung des Papstes als auch die der polnischen Bischöfe in dieser Angelegenheit war und ist weiterhin eindeutig. Vernünftig denkende Kreise der katholischen öffentlichen Meinung teilen diese Ansicht voll.

Muß man diese Haltung ausführlich begründen? Wohl nicht. Es ist doch offensichtlich, daß das politische Prestige des politischen Lagers, in dem sich Polen befindet, es nicht zulassen wird, daß sich die Regierung unseres Landes den Sanktionen beugt. Gleichzeitig jedoch trifft die fühlbare Schwächung der Lebensmittelindustrie und auch der Produktion von Hygieneartikeln wie Waschpulver, Seife oder Zahnpasta unmittelbar die Bevölkerung. Wenn in einer Warschauer Schule Läuse und Krätze grassieren, so ist dies ein sehr alarmierendes, mit Sicherheit aber kein vereinzeltes Signal.

Das sind Tatsachen. Sie sprechen eindeutig gegen Sanktionen und für einen ungehinderten Wirtschaftsaustausch zwischen Polen und seinen westlichen Partnern. Diese Feststellung ist nicht Ausdruck des Opportunismus gegenüber der Regierung, sondern Ausdruck der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft.