Dirk Langenwiesche/Klaus Schönhoven (Hrg.): „Arbeiter in Deutschland: Studien zur Lebensweise der Arbeiterschaft im Zeitalter der Industrialisierung“.

Es gehört mittlerweile fast schon zum guten Ton, darüber zu klagen, daß hinter den politisehen, ideologischen und organisatorischen Aspekten der Arbeiterbewegung die Geschichte der Arbeiter selbst zu kurz gekommen ist. Welche Lücken noch bestehen in unserer Erkenntnis über die Lebenswelt der deutschen Arbeiter zwischen industrieller Revolution und Erstem Weltkrieg, zeigt die umfängliche, den aktuellen Forschungsstand analysierende Einleitung der Herausgeber; welche Fortschritte aber auch in jüngerer Zeit auf diesem Gebiet gemacht wurden, belegen manche der nachfolgenden zwölf Beiträge ebenso eindringlich. In besonderem Maße gilt dies von den Studien des Leipziger Historikers Hartmut Zwahr und des jetzt in Cambridge lehrenden Amerikaners David Crew. Zwahr beschäftigt sich, auch methodisch wegweisend, mit der „Konstituierung des Proletariats als Klasse“ im Leipzig der Zeit zwischen etwa 1830 und 1870; Crew untersucht am Beispiel Bochum Bedingungen, Umfang und Funktion regionaler Mobilität der Industriearbeiterschaft am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Auswahl der Beiträge demonstriert die Spannweite der Fragestellungen und die Methodenvielfalt, mit der sich das wissenschaftliche Interesse in den letzten Jahren dem Arbeiteralltag in der Geschichte zuwendet. Den pointiert vorgetragenen Gedanken des Tübinger Volkskundlers Hermann Bausinger über historische Tendenzen und soziologische Theorien einer „Verbürgerlichung“ der deutschen Arbeiterkultur steht beispielsweise die Auswertung von Massenquellen mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung gegenüber, wie sie Peter Borscheid und Heilwig Schomerus für die württembergischen Fabrikarbeiter vorgenommen haben. Wohnungsprobleme und Nahrungsstandard von Arbeiterhaushalten kommen in weiteren Abhandlungen ebenso zur Sprache wie Geburtenkontrolle und Urlaubsregelungen oder Fragen der Organisierung und Konflikte am Arbeitsplatz. Ergänzungen ließen sich zweifellos anmerken, ändem aber nichts an der Feststellung, daß diese Aufsatzsammlung eine umsichtig angelegte und äußerst anregende Zusammenschau dessen bietet, was das Alltagsleben der deutschen Arbeiter in den Wandlungsprozessen der Industrialisierung bestimmte. (Schöminger-Verlag, Paderborn 1981, 310 S., DM 38,-). Rudolf Muhs

Manfred Franke: „Albert Leo Schlageten Der erste Soldat des 3. Reiches. Die Entmythologisierung eines Helden“

Der deutsche Wille zur Legende, zum Mythos, zu dem, was nicht wahr, aber ‚schöpferisch‘ ist, ein Wille gegen die Wahrheit, gegen die geistige Reinlichkeit: sehr roh hervortretend in den Fällen Schlageter und Wessel“, so Thomas Mann in seinen Tageblättern „Leiden an Deutschland“. Nun kann man in einem auf gründlichem Quellenstudium beruhenden Buch ausführlich nachlesen, wie es um einen dieser nationalistischen Heroen zwischen Fiktion und Wirklichkeit bestellt war. 1894 als Sohn eines Landwirts-Ehepaares geboren, meldete sich Schlageter nach dem Notabitur 1914 als Kriegsfreiwilliger. Sein religiöser Glaube verband sich mit militantem Patriotismus: „Der Krieg fordert nur die besten und tüchtigsten Leute, so daß wir, die wir noch am Leben sind, uns fast schämen müssen. Gottes heiliger Wille hat es so beschlossen.“ Nach Kriegsende ging er zum Freikorps und kämpfte im Baltikum. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen 1923 – zur Sicherstellung der Reparationen, mit denen das Land vollends ausgepowert wurde – veranlaßte Schlageter, sich dort einer Widerstandsgruppe anzuschließen, die, weitgehend von den Behörden gedeckt, Sabotageakte verübte. Nach einem Anschlag auf die Eisenbahnbrücke im Kalkumer Wald wurde er gefaßt, in einem rechtlich fragwürdigen Verfahren zum Tode verurteilt und am Morgen des 26. 5. 1923 durch Erschießen hingerichtet. „Möge aus seinen Gebeinen dereinst ein Rächer erstehen“, so hofften die Rechtskreise und stilisierten Schlageter zum Vorläufer nationaler Erneuerung, Aber auch der kommunistische Politiker Karl Radek erwies ihm seine Reverenz: Er sei zwar Faschist gewesen, damit Klassengegner, doch sei er zum Tode verurteilt und erschossen worden von den Schergen des französischen Imperialismus, „dieser starken Organisation eines anderen Teils unserer Klassenfeinde“. Werde man den Sinn der Geschicke Schlageters nicht verstehen, sollte man auf sein Denkmal schreiben: „Der Wanderer ins Nichts“. Als ein solcher erwies er sich in der Tat: als nationalsozialistische Mythe begleitete er das Dritte Reich vom Aufstieg bis in den Untergang. Nüchtern und objektiv wird in diesem Buch die faschistische Heldenverehrung am Beispiel Schlageters entmythologisiert. (Prometh-Verlag, Köln, 158 S., DM 22,-).

Hermann Glaser