Die Krise schleicht, ihr Ende ist noch längst nicht in Sicht

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

Das ist das Unheimliche an der Dauerkrise in Bonn: Sie ist nicht zu fassen, aber dennoch existent. Es knallt nirgends, bröckelt aber überall. Kein Knoten schürzt sich, doch die Politik verknäuelt sich immer mehr. Die Scharen der Bundestagsbesucher, die aus Neugier oder auf Einladung von Abgeordneten wie en und je das Parlamentsviertel durchstreifen, erleben nichts Dramatisches, spüren aber die Mißstimmung. Und mißgestimmt über die Bonner Politiker sind sie selber meistens auch.

Am Wochenanfang geht es im Erich-Ollenhauer-Haus, dem sozialdemokratischen Parteihauptquartier, so ruhig und geschäftsmäßig zu, als sei das Wählerbarometer in Schleswig-Holstein nicht soeben kräftig gefallen und als habe Peter Glotz, der Bundesgeschäftsführer, das Votum nicht auch auf die „Gesamtstimmung in der Bundesrepublik“ zurückgeführt. Etwa vier Prozentpunkte Verlust, damit hatte man schon gerechnet; aber nun knapp sechs und steile Talfahrten in Städten und Stadtrandgebieten? Ein gewisser Fatalismus macht sich bemerkbar: So ist das eben; einmal mußte die erste Quittung ja kommen.

Geschäftigkeit wie jeden Tag auch im Thomas-Dehler-Haus, der freidemokratischen Parteizentrale. Die Liberalen haben im nördlichen Bundesland, aufs ganze gesehen, ja auch passabel abgeschnitten. Freilich, die geringe Wahlbeteiligung, so sagt der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Uwe Ronneburger, sei offenbar auch zu Lasten der FDP gegangen. Und selbst im Konrad Adenauer-Haus, dem Bonner Leitstand der CDU, mischt sich in die Genugtuung ein Gran Nachdenklichkeit: Was die SPD verloren hat, ist der Union, bei allen eindrucksvollen Erfolgen, nur in kleinen Dosen zugute gekommen.

Herrschaftliche Gelassenheit