Noch immer ist Indien weit davon entfernt, von Touristenströmen überschwemmt zu werden. Aber offensichtlich Kommt das Land in Mode, ein Indiz dafür sind die immer zahlreicher erscheinenden Reise- und Kunstführer. Und so werden sie denn zusammengeschustert auf Teufel komm ’raus, offensichtlich nach dem Motto: Wer zuerst auf dem Markt ist, macht das Geschäft. Auch so ein Produkt dieser „Devise“ scheint

Henriette Rouillard: Nord-Indien. Aus der Reihe „Richtig Reisen“. DuMont Buchverlag, Köln 1981; 331 Seiten, 32 Mark

zu sein. Um es gleich vorweg zu sagen – dieser Führer ist eine Zumutung. Da sollte wohl locker plaudernd eine nicht immer ganz einfache, auf jeden Fall aber fremdartige Materie an den Käufer gebracht werden, und herausgekommen ist ein Wust von Banalitäten und unpräzisen Informationen, die manchen Zweifel an der Kompetenz der Autorin aufkommen lassen.

Gewiß, Henriette Rouillard liebt ihr Indien, das wird ganz deutlich, wenn sie Ratschläge gibt, zu welcher Tageszeit man etwa einen bestimmten Ort besuchen oder wo man vielleicht besser noch eine Nacht einlegen sollte. Aber diese nützlichen Tips sind unter den vielen Ärgerlichkeiten schwer auszumachen. Was nutzt dem Leser der Hinweis: „Ganz in der Nähe befindet sich ...“ oder: „ein bißchen weiter sehen Sie ...“, wenn das alles ist. Wo zum Beispiel ist der Flohmarkt in Old Delhi? Das angegebene Gebiet „Große Moschee“ ist riesig. Und den Silbermarkt kann man auf dem Chandni Chowk lange suchen. Dort befindet er sich nämlich gar nicht, sondern in einer Nebenstraße. Oder was soll die Schilderung des Chota Chowk im Roten Fort von Delhi als eines „gedeckten Basars, in dem auch heute noch Handel getrieben wird.“ Eine wahrhaft merkwürdige Umschreibung für Antiquitäten- und Souvenirläden.

Vergeblich wird man auch die „großen Couturiers“ (die Autorin meint es tatsächlich ernst?) und Juweliere am Connaught-Platz in Neu-Delhi suchen, und selbst langes Nachdenken gibt keinen Aufschluß darüber, warum die abgewetzten braunen Rasenflächen des Maidan in Kalkutta mit dem Hyde Park verglichen werden oder warum in der gleichen Stadt Chowringhee und Park Street (mit ihren bröckelnden Fassaden, den aufgerissenen Straßenpflastern, auf denen Bett-Berechtigt nebeneinader campieren) mit den Champs-Elysees in Paris. So Unzureichend wie der Text ist auch die Übersetzung. Ganz abgesehen von den vielen Schweizerismen (Velo, Poulet, Bidonville statt der Slums, die sich nun mal im Deutschen eingebürgert haben), werden „dem Reisenden“ Albernheiten wie diese zugemutet: „Am besten nehmen Sie den Weg frühmorgens unter die Räder“, oder „Der Ankommende ... wird von starkem Pferdemistgeruch empfangen ... (und dann) von der Welle des Verkehrs erfaßt“.

Da mit Ortsangaben so schlampig umgegangen wird, sucht man händeringend nach Karten. Aber die fehlen. Der einsame Miniaturstadtplan von New Delhi ist völlig unbrauchbar. Statt dessen schmückt sich das Buch mit einigen ansehnlichen Farbphotos und einer Fülle von Schwarzweiß-Abbildungen, die man besser weggelassen hätte, denn erkennen läßt sich bei ihrer schlechten Qualität sowieso kaum etwas.

„Dem Reisenden“ sei darum geraten, lieber auf den bewährten und ebenfalls bei DuMont erschienenen Kunst-Reiseführer „Indien“ vonGutschow und Pieper oder auf Heimo Rau: Indien (Kohlhammer) zur Information zurückzugreifen. Denn es lohnt sich nicht einmal, Zeit an die Einführungskapitel von Henriette Rouillard über Religion, Geschichte und Politik zu vergeuden. Daß der Verlag bereits einen weiteren Band der Autorin, diesmal über Südindien, ankündigt, läßt Böses ahnen.