ARD, Donnerstag, 4. März: „Das Streitgespräch“, Julius Hackethal kontra Irmgard Oepen

Nein, meine Damen und Herren vom WDR, so geht das wirklich nicht. Streitgespräche zu inszenieren und statt der lahmen und ermüdenden Round-table-Debatten mit Riesenbesetzung Florettkämpfe und Pingpong-Auseinandersetzungen ins Programm zu nehmen, das ist gewißlich aller Ehren wert (wir haben an dieser Stelle solche Schlag-für-Schlag-Dispute oft genug gefordert): Nur muß man sich für solch ein Unternehmen die richtigen Partner aussuchen.

Je extremer die Standpunkte, je entschiedener die Positionen, desto besser. Beharrlichkeit und Souveränität, gepaart mit Konzilianz: das sind die Eigenschaften des idealen Debatten. Ein fighter muß er sein, überzeugt, für die richtige Sache zu streiten; aber ganz ohne Selbstironie, lernunbereit und verbissen, stünde er am Ende doch nur als Fanatiker da und würde, als schlechter Vertreter seiner Partei, von den eigenen Leute zur Ordnung gerufen.

Nicht leicht zu finden also, ein solcher Debatter, der zugleich Schachspieler und Charmeur sein sollte, halb Rationalist und halb ein weiser Chinese, der sich’s leisten kann, nach gewonnener Bataille die Fünfe grad sein zu lassen. (Womit er dann seinen Triumph vollends auskostet.) Eine Mischung aus Lessing und Kreisky, Kant und Philipp Rosenthal, Leo Naphta und Dubslav von Stechlin: ja, so sähe er aus, der Inbegriff eines Streitgespräch-Partners in aller Unwiderlegbarkeit und Nonchalance.

Ein Tusch für Irmgard Oepen, die Rechtsmedizinerin der Universität Marburg: Besser als sie kann man die Sache der Schulmedizin nicht vertreten, kenntnisreich, souverän, verbindlich, prinzipientreu, aber keineswegs unbelehrbar, aufgeschlossen für Reformen, aber unerbittlich, wo’s ans Eingemachte geht. Die Kollegen werden mit Blumensträußen nicht geizen – und sie haben Grund dazu.

Freilich, sie tat sich leicht, zu leicht, die Frau Professor aus Marburg, weil die verantwortlichen Redakteure ihr den falschen Kontrahenten gegenübergesetzt hatten. Nichts gegen Julius Hackethal, seine Verdienste sind bekannt – aber alles gegen die absonderliche Idee, diesen Mann zum Anwalt des Naturheilverfahrens zu machen: Da war er, der sich als Chirurg, der er bleibt, auch naturheilkundlicher Methoden bedient (in erster Linie sogar meinethalben), schlichtweg überfordert, geriet ins Schwimmen, mußte zu – ständig wiederholten – Allgemeinheiten Zuflucht nehmen und argumentierte dort vag, wo, etwa in der Frage der Akupunktur, von der Gegenseite präzise Thesen aufgestellt wurden – begrifflich exakt und nicht der bekenntnishaften, wohl aber der von Kennerschaft zeugenden Gegen-Argumentation würdig.

Ein erfahrener Kneipp-Arzt, ein umfassend gebildeter, auf Grund langer Erfahrung zur Methoden-Abwägung befähigter Homöopath – das wären Frau Oepens richtige Partner gewesen. Richtig, weil sich dann ein Spiel von gleich zu gleich ergeben hätte, und kein Hahnemann und kein Bircher-Benner waren gezwungen gewesen; noch im Grabe ihr Haupt zu verhüllen.