Berlin: „Beuys, Rauschenberg, Twombly, Warhol – Sammlung Marx“

Es war ein gesellschaftliches Ereignis, im doppelten Sinn. Beuys, Rauschenberg und Warhol kamen zur Eröffnung und mit ihnen viertausend Neugierige: Das hatte die Nationalgalerie noch nicht erlebt. Neben den Künstler-Superstars war – und ist – eine Privatsammlung zu bestaunen, die mit ebenso viel Geld wie Sachverstand exemplarische kunsthistorische Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte spiegelt. Im Gegensatz zum Alles-Sammler Ludwig fiel die konzentrierte Entscheidung zugunsten dieser vier: Rauschenberg, Vorläufer der Pop Art, der im mächtigen Zugriff die Welt sich aneignet; Warhol, Zentralfigur des Pop, der wie kein anderer auf das Industrialisierte, Mechanisierte, Entfremdete unserer Zeit zeigt; Beuys, in seiner Innenschau der typische Europäer, gleichwohl heftig politisch engagiert; und Cy Twombly, im Privaten überzeitlichen Mythos suchender Sensibilist. Eine geschickte, intelligente Auswahl, wohlabgewogen zwischen Amerika und Europa, Außen und Innen, zwischen spektakulärer kunsthistorischer Entwicklung und stillem Fortarbeiten. Gleichwohl wurde einiger, allerdings gedämpfter Unmut laut, und das ist die andere gesellschaftliche Seite. Denn das Geld, mit dem Erich Marx seine Kunstwerke in den letzten sieben Jahren zusammentrug, verdiente er – wie andere prominente Berliner Sammler – vornehmlich auf dem Wohnungsmarkt, als Immobilienhändler und Sanierungsträger, in einer in Berlin brisanten und spektakulären Branche. Besonders delikat ist, daß Beuys Pate eines besetzten Hauses ist. Selten wurden die in unserem privatkapitalistisch-demokratischen System unauflösbaren Verflechtungen von Kunst, Kommerz und Politik, von privater Macht und Selbstdarstellung und öffentlichem Zugzwang deutlicher. Marx will die Sammlung stiften; unter Heiner Bastians Beratung konsequent auf Museumsqualität angelegt, ist sie über jeden kunsthistorischen Zweifel erhaben. Glücklich das Museum, das sie besitzt. Das erhaben. und Pokern darf beginnen. Immerhin kann Berlin – nach der Präsentation der Sammlung Onnasch an gleicher Stelle – sich nun noch erfolgreicher des Rufs erwehren, keine potenten Sammler zu haben. Es besteht die Idee, die beiden Privatsammlungen mit dem Nationalgaleriebestand zu einem eigenen Haus für die Kunst nach 1945 zu vereinigen. Ihre Realisierung sollte Berlin sich einiges kosten lassen. (Neue Nationalgalerie, bis 12. April, Katalog 39 Mark) Ernst Busche

Stuttgart: „Bolognesische Zeichnungen 1600-1830“

Die Carracci, die Brüder Agostino und Annibale und deren Vetter Lodovico, gründeten 1582 in Bologna eine private Akademie. Sie wurde rasch zu einem Anziehungspunkt für die jungen Maler, die einen Ausweg suchten aus der langsam erstarrenden Kunst des Manierismus. Das Rezept, das diese Schule anbot, war keineswegs revolutionär: Es empfahl einen Eklektizismus, der sich sowohl auf die Hochrenaissance wie auf den Manierismus berief. Aus dieser Mischung von Naturbeobachtung und Vorstellung entstand dann doch etwas Neues, nämlich die frühbarocke Malerei. Die Ausstellung, die sich in der Hauptsache auf die umfangreichen Bestände der Sammlung Schloß Fachsenfeld stützt (Leihgaben aus Windsor Castle und der Fondazione Cini in Venedig kommen hinzu), stellt einige der prominenten Carraccischüler – Guido Reni, Domenichino, Alessandro Algardi – kurz mit Werkproben vor, die wenig über den künstlerischen Rang dieser Bologneser sagen – von einer klassisch-ruhigen Landschaftsdarstellung Domenichinos abgesehen. Der Künstler, der sich mühelos in den Vordergrund schiebt, ist Guercino, auch er aufgewachsen im Dunstkreis der Carracci. Eine mit raschen, flattrigen Federstrichen skizzierte Bildidee für die Figur des Herkules, der die Hydra erschlägt, und die bis ins Detail genaue Studie zum Gewand einer Venus markieren die Pole, zwischen denen sich der Entwurfsprozeß bewegte. Viele der Blätter aus dem späteren 17. und aus dem 18. Jahrhundert sind Studienobjekte für Spezialisten, im Katalog von Christel Thiem mit großer Kennerschaft aufbereitet. Faszinierend sind die Architekturentwürfe für Kuppeln und Decken und die grandiosen Phantasiearchitekturen aus dem Umkreis der Galli-Bibiena, die sich auf der Bühne in Wirklichkeit verwandelten. (Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, bis zum 2. Mai; Katalog 35 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Die Pferde von San Marco“ (Martin-Gropius-Bau bis 25. 4., Katalog 25 Mark)

Düsseldorf: „R. B. Kitaj“ (Kunsthalle bis 21. 3., Katalog 29 Mark)