Die Kleider zerrissen

Von Iki Mann

Es wäre damals alles anders gewesen, wären wir mit afrikanischen Kindern zur Schule gegangen. Aber nein, alle drei Rassen – Inder, Afrikaner und Europäer – besuchten Schulen für sich, obwohl alle Kinder die gleichen britischen Abschlußprüfungen absolvieren mußten.

Nach der Erklärung der Unabhängigkeit wurde die Integration versucht. Ich kann mich an den Tag erinnern, an dem die erste Afrikanerin unsere Schule besuchte – ein Internat für sechshundert weiße Mädchen, eine der besten britischen Schulen ganz Afrikas, gekennzeichnet durch unsere graue Schuluniform: knielanger Faltenrock aus Flanell, weißes Hemd, rote Krawatte, weiße Strümpfe, braune Schuhe, graue Jacke, puddingförmiger Hut. Eine Schule guter alter britischer Tradition, eine „Public School“, die jedoch nur den Töchtern der Europäer offenstand. Eine Schule mit britischer Disziplin, mit geräumigen Klassenzimmern, Laboratorien, Dunkelkammern, einer Bibliothek, einem Kino, einer Kapelle, gepflegten Sportfeldern aller Art, einem Schwimmbecken olympischer Proportionen, einer Turnhalle und einem Theater im Freien.

Der riesige Eßsaal – siebenhundert Quadratmeter groß – war mit vierzig langen Holztischen eingerichtet, einer glänzenden Küche, weiß und verchromt, überdimensionalen Kochtöpfen und erstklassigen europäischen Köchinnen. In diesem Speisesaal fanden die wichtigsten Ereignisse des Tages statt: die Morgenandacht und die Tagesmeldungen, die Mahlzeiten, Konzerte, Feten, Abschlußzeremonien, Theater- und Musikwettbewerbe. Wir waren privilegiert, diese Schule besuchen zu dürfen. Die Schulabgängerinnen gingen zum weiteren Studium nach London, Oxford, Cambridge oder Radcliffe, sie wurden Ärztinnen, Zoologinnen, Rechtsanwältinnen oder Lehrerinnen – bedeutende Frauen. Und im Speisesaal hingen die großen hölzernen Tafeln, auf denen alle, die den Abschluß erreichten, namentlich erwähnt wurden. Lauter europäische Namen in diesem schwarzen Land – Willems, Rose, Smith, Jolly, Sandhurst, Monks – endlose Reihen von Namen.

Es war ein ganz normaler Tag, warm, sonnig, mit Arbeit gefüllt. Zum Mittagessen strömten wir, sechshundert weiße Mädchen, wie üblich in den Speisesaal und sprachen unser Tischgebet wie immer im Stehen. Bevor der übliche Lärm einsetzen konnte, rief uns die Schulleiterin zur Ordnung und bat um Ruhe. Neben ihr stand ein schwarzes Mädchen, in grauer Uniform, mit weißem Hemd und roter Krawatte, genau wie wir. Ein schwarzes Mädchen! Sie war vielleicht vierzehn Jahre alt und hatte ihr Haar in lauter kleine Zöpfe gelegt. Wir waren ganz still, sechshundert stille weiße Mädchen. Das schwarze Mädchen wurde uns offiziell vorgestellt – sie hieß Betty – und im Namen der Schulleitung „willkommen“ geheißen. Was erwartete man von uns? Vor Verlegenheit klatschten wir frenetischen Beifall.

Betty bekam ihren Platz an einem Tisch und aß – jedoch nicht wie wir, unser undefinierbares Fleischgericht, sondern Curry und Reis, extra für sie vorbereitet. Ihre Tischkolleginnen bemühten sich um sie; sie sprach sehr gutes Englisch, ihre Uniform war tadellos, sie gehörte dem Kikuyustamm an, ihr Vater war Politiker. Sie sagte wenig, beantwortete leise die Fragen, die man ihr stellte, und aß ihr Curry mit einem Löffel.