Nein, wir wollten nicht zur IMA, zur Internationalen Motorrad-Ausstellung nach Bochum. Versicherungssummen und Todesraten haben mich davon abgeschreckt, mit schwarzglänzendem Leder die Klasse zu betreten und die sturzhelmbewehrte Schülergeneration mit heißem Ofen zu verunsichern. Nicht mit dem Motorrad, sondern standesgemäß mit einem Wagen der bürgerlichen Mittelklasse fuhren wir ins Theater – nach Bochum. Abgesehen von den pausen- und atemlosen Nörgeleien und Beschimpfungen von Gott, der Welt und der Ehefrau interessierte uns der „Weltverbesserer“, dem für sein Traktat zur Abschaffung der Welt der Ehrendoktor verliehen wird, auch wegen seiner delikaten Äußerungen über Trier. Kopfzerbrechen bereitete uns allerdings eine Rotchinesin, die uns Bekannte anvertrauten: Sie sollte deutsches Theater kennen lernen – eine repräsentative Inszenierung. Und nun Thomas Bernhard, der Österreicher, der mit den skurrilen Sonderlingen. Ihr Ausruf: „Genau der Papa!“ überzeugte uns jedoch bald von der nationenübergreifenden Gültigkeit dieses Autors.

Nach der Aufführung wollten alle vier den Minetti imitieren. Schließlich standen wir zwischen den herausströmenden Besuchern und deklamierten mehr oder weniger originalgetreu: „Man geht nicht ungestraft nach Trier. Man macht sich lächerlich, wenn man nach Trier geht. Ein Mann wie ich begeht nur einmal diesen Verrat.“ Beinahe hätten wir die Garderobe vergessen ...

Als ich wieder zu mir kam, wurde ich auf einer Bahre ins Röntgenzimmer gerollt, während ein Weißkittel mit zunehmender Intensität die Frage wiederholte: „Wo waren Sie? Erinnern Sie sich?“ Als ich schließlich stammelte: „Man geht nicht ungestraft nach Bochum“, atmeten Ehemann und Weißkittel hörbar auf. Ausführliche Zitate blieben aus. Die rechte Gesichtshälfte war farbenfroh zugeschwollen, der Kiefer gebrochen, die Artikulationsfähigkeit beeinträchtigt. Was ich jedoch noch wissen wollte, ehe ich wieder wegtauchte: „Bin ich entstellt?“ Weibliche Eitelkeit. Die Umstehenden waren fassungslos. Sorgte man sich zu diesem Zeitpunkt noch um Knochenbrüche, Augenverletzungen, Gehirnerschütterung...

Später erfuhr ich, was passierte: Nach dem Theater überquerten wir die Straße. In diesem Augenblick startete Uwe, 19, 100 Meter entfernt auf seiner Kawasaki, 1000 ccm Hubraum, in vier Sekunden auf hundert. Es war ein Blitzstart. Andere konnten noch wegspringen. Ich wurde fünfzehn Meter mitgeschleift. Von alldem wußte ich nichts. Die Erinnerung streikte, verschonte mich mit Einzelheiten. „Seien Sie froh, daß Sie den Unfall vergessen und den ,Weltverbesserer’ noch im Gedächtnis haben. Stellen Sie sich vor, es wäre umgekehrt“, meinte ein Assistenzarzt, der den „Weltverbesserer“ nicht kannte. Sonst hätten ihm Zweifel kommen müssen. Zunächst regungslos am Tropf, dann mit passierter Kost versorgt, vermied ich die Konfrontation mit meinem Spiegelbild. Eine Ahnung vom Ausmaß meiner regenbogenfarbenen Schwellungen bekam ich durch den verräterischen Gesichtsausdruck der Besucher meiner Bettnachbarin. Nach kurzer, unkontrollierter Fassungslosigkeit verbreitete sich natürlich rasch wieder das gewohnte Krankenhausbesucherstrahlen auf ihren Gesichtern.

Aufschlußreich war auch das Mienenspiel des mütterlich-besorgten Pflegepersonals. „Ochgottochgottochgott... Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“ Dahinter stand unausgesprochen das Mitleid mit dem Opfer männlicher Schlagkraft.

Bemüht, das Mißverständnis aufzuklären, artikulierte ich mühsam: „Motorrad.“ Jetzt verfinsterten sich die Mienen erst recht Schmale Lippen und heruntergezogene Mundwinkel signalisierten offene Häme: Geschieht denen nur recht, hat es also doch auch einmal eine von denen erwischt. Es mußte also noch geklärt werden, daß ich nicht der Fahrer, sondern die Überfahrene war. Hier schaltete sich meine Bettnachbarin ein: Sie fahre selber eine schwere Honda. Sonntags gehe sie jedoch immer auf den Nürburgring. Da könne man doch wenigstens mal richtig aufdrehen.

Vor der Operation – das Jochbein mußte verdrahtet werden – steckte der Oberarzt noch einmal den Kopf durch die Tür: „Sie wissen doch, was der Thomas Bernhard von den Ärzten hält: Ehe man ihnen auf die Schliche kommt, ist es zu spät.“ Ich bin ihnen nicht auf die Schliche gekommen. Die Operation hinterließ keinerlei Spuren, glättete eher ein paar Augenfältchen. „Gib’s zu, du hast dich liften lassen“, war der spöttische Kommentar der Kollegen. Dann kam das juristische Nachspiel: Beschuldigt wurde – ich. Man, geht nicht ungestraft nach Bochum. Wie recht hatte doch der Thomas Bernhard.

Eigentlich wollte ich ihm schreiben. Aber er sagt ja selber: Briefe wandern ungeöffnet in den Papierkorb. Also schrieb ich dem Minetti. Er hat mir nicht geantwortet, weil er den „Faust“ einübt. Ich werde nach Berlin fahren, um ihn zu sehen. Heide Thielbeer