Von Rino Sanders

Ein Deutscher muß angesichts dieser Retrospektive der „Dreißiger Jahre“, die Italiens „heimliche Hauptstadt“, Mailand, zusammengebracht und bis Ende April im kulturellen Angebot hat, Wirkung zeigen und ausgiebig nachdenklich werden – nicht nur, wenn er schon damals halbwegs bei Bewußtsein war. Ihrem wirtschaftlichen Gewicht im Haushalt des Landes entsprechend, hat die Stadt die Gesamtschau dessen, was die anni trenta waren, erstaunlich umfassend, dabei transparent und einleuchtend organisiert – und in geradezu adäquater Gigantomachie. Schon der opulente und intelligente Katalog bringt rund zweieinhalb Kilo auf die Waage, kostet an die fünfzig Mark und geht doch reißend weg. Ein gewissenhafter Deutscher brauchte Tage, um mit all dem fertig zu werden.

Distanziert und betroffen zugleich wird er im – unerwarteten und nicht recht geheuren – Mahlstrom der Besucher Fuß zu fassen versuchen. Wie verschieden waren doch diese beiden paktierenden „Achsenmächte“! Hatte man das so präsent? Der „Duce“ war schon ein Dutzend Jahre an der Macht, als er 1934 in Venedig zum erstenmal den noch frischen „Führer“ traf und für un pazzo, einen Irren, hielt. Unter dem Aspekt der Effizienz mußte Mussolini sein spontanes Urteil in der Folge drastisch revidieren: Aus dem Schüler war der Meister geworden, dessen gespenstische Erfolge man widerstrebend nachzuahmen trachtete, bis man keine Wahl mehr hatte.

Ich wage nicht zu entscheiden, wie weit die offensichtliche Verschärfung der faschistischen Diktatur gegen Ende der dreißiger Jahre systemimmanent war und wie weit Frucht nazistischer Wünsche und Pressionen plus blanker Neid.

Daß vieles, was die rigoros perfektionistischen Deutschen veranstalteten, sogar den italienischen Faschisten contre coeur ging und fremd blieb, als sie es bereits beflissen mitmachten, wird deutlich, Rassismus zum Beispiel: in andersartiger Herkunft oder Religion hätte kaum ein Italiener einen Mordgrund gesehen.

Die Ausstellung der „Kunst und Kultur“ jener Jahre erstreckt sich oberhalb und unterhalb des Domplatzes: im Palazzo Reale, im sogenannten Ex-Arengario, in den Räumen der Metro unterm Sagrato del Duomo und der Galleria Vittorio

Emanuele, und sie versteht ihre Leitvokabeln, wie nötig, im weitesten Sinn.