Will der Geheimdienst Breschnjew schwächen?

Von Christian Schmidt-Häuer

Im Juli 1953, wenige Monate nach Stalins Tod, ging das sowjetische Politbüro geschlossen ins Bolschoj-Theater und sah sich Schaporins Dekabristen an, eine Oper über den Aufstand gegen den Zaren 1825. Der kollektive Kunstgenuß war ein bis dahin einmaliges Ereignis. Nur ein Mann aus dem Spitzengremium der Partei fehlte damals beim revolutionären Spektakel: der 54jährige Lawrentij P. Berija, Stalins blutbefleckter Geheimdienstichef. Am nächsten Morgen wurde Berija als „Volksfeind“ verhaftet – der Machtkampf um Stalins Erbe hatte seinen ersten Höhepunkt erreicht.

Am 3. März 1982, wenige Wochen nach dem Tode des Chefideologen Michail Suslow, gingen fast alle in Moskau ansässigen Politbüro-Mitglieder ins Künstler-Theater und sahen sich Schaprows So werden wir siegen an, ein anti-stalinistisches Stück über Lenins letztes Lebensjahr. Der kollektive Theaterbesuch war in den 17 Jahren unter Breschnjews Führung ein einmaliges Ereignis. Nur ein Moskauer aus dem Spitzengremium der Partei sah sich das reformistische Stück nicht an: der 75jährige Andrej P. Kirilenko, der lange Zeit als Breschnjews Nachfolger galt. Kirilenko ist am nächsten Morgen keineswegs verhaftet worden, er hat noch alle Ämter inne. Doch er, bis dahin der dritte Mann in der Parteihierarchie nach Breschnjew und Suslow, ist seit Suslows Tod am 25. Januar nahezu von der Bildfläche verschwunden.

An seiner Stelle steuert Breschnjews engster Vertrauter und Adjutant, der 71jährige Konstantin Tschernjenko auf die Machtübernahme zu. Er ist in Suslows Funktionen und auf dessen zweiten Platz gerückt. Lange Jahre war er der Schatten Breschnjews. Jetzt stellt er seinerseits den angeschlagenen, von Mißernten, Mißerfolgen und Krankheit gebrochenen Parteichef in den Schatten.

Der Machtkampf zwischen. Tschernjenko und Kirilenko bildet den harten Kern jener mysteriösen Vorgänge und lancierten Gerüchte um Leonid Breschnjew, die in der vergangenen Woche, weltweites Aufsehenerregten. Vieles fügt sich nur bruchstückweise zusammen, einige Details sind ohne Beispiel in der Sowjetgeschichte. Agentur- und Börsenspekulationen über den Tod eines sowjetischen Parteichefs – wie am Freitag vergangener Woche – hat es schon vor dem Sturz Chruschtschows gegeben. Selbstmorde durch Gift und Korruptionsskandale zur Ausbootung von Spitzenfunktionären sind auch nicht neu. Aber daß Figuren aus dem Umkreis des herrschenden Clans verhaftet werden, gegen den Willen des amtierenden Parteichefs – das ist noch niemals vorgekommen. Ebenso unvorstellbar erschien bisher, was die offizielle Leningrader Literatur-Zeitschrift Awrora kürzlich in einer Satire aussprach: die Hoffnung auf den baldigen Tod eines übermenschlichen Dichters – eines fiktiven Dichters, der aber unverkennbar die Züge Breschnjews trägt.

Was steckt hinter den Gerüchten über Wirren und Skandale, die nach einem Watergate an der Moskwa klingen? Welche Fronten zeichnen sich hinter den Andeutungen ab, die sogar den Tod des stellvertretenden KGB-Chefs Zwigun und des Chefideologen Suslow in Zusammenhang bringen – mit einer Art von Showdown zwischen beiden Funktionären? Zwei Deutungen bieten sich an: